Inh. Friedo Stucke, Kastanienbogen 8 in 21776 Wanna  eigene.werte@t-online.de

Sonntag, 13. Mai 2018

Jung und schön bis in den Tod

Theresa Rose und Simon Elias © Marianne Menke
(Bremen) Am Mittwoch Abend, einen Tag vor Vatertag, einer Zeit mit bestem Wetter für Strassenkaffees, war das Theater am Leibnizplatz fast ausverkauft zur Premiere von „Das Bildnis des Dorian Gray“ in einer Bearbeitung von John von Düffel. Die Geschichte um den Schönling dem das eigene gemalte Portrait zwar altert, er selbst aber nicht, dünkt wie ein Fluch dieses Jahrhunderts permanenter Selbstdarstellung, dem Zeitalter von der Optimierung des eigenen Erscheinungsbildes, von Photoshop und Schönheitschirurgie. Die Textbearbeitung, auch wenn sie dicht am Roman bleibt gibt viele Denkanstösse über die Liebe, das geliebt werden, was man dafür bereit ist zu tun und vor allem welche Grenzen man bereit ist dafür zu überschreiten.

Ich bin sicher, jeder der den Roman von Oscar Wilde gelesen hat kennt auch jemanden der darüber eingeschlafen ist. Die Fülle der Bezugnahme auf Sekundärliteratur, Zeitströmungen, Moden, philosophische Modelle, etc. ist für heutige Lesegewohnheiten eine echte Herausforderung. Das ist keine Literaturkritik, sondern viel mehr der Grund für die Anerkennung einer gelungenen Regie von Julia Redder, die mit dieser Inszenierung ihr Debüt gab. Literatur(ver)inszenierungen sind ja oft sehr text- und somit auch kopflastig. Hier nicht! Und das vor allem weil nicht mit viel Action ein temporeicher Gegenpol geschaffen wurde, sondern auf´s Wesentliche reduziert die Handlung voran getrieben wird. Die Ausstattung von Rike Schimitschek, die hier ebenfalls ihr Debüt gab, sehr einfallsreich, ausladend und gut durchgestylt schafft einen ausgewogenen Fokus neben der spartanischen Bühne und dem zarten in kaum wahrnehmbaren Pastelltönen gesetztem Licht, mit denen die jeweiligen Stimmungen kunstvoll unterstützt werden. Ein sehr gelungenes Ganzes für die anregende Leichtigkeit des Spiels mit oft tiefgründig witzigen dramaturgischen Formen. Die fünf Charaktere sind mit wenig zu klaren Kunstfiguren gestaltet und von dem Ensemble lebhaft in Szene gesetzt. Besonders hervorzuheben ist hier Simon Elias der mit sparsamen Spiel die innere Wandlung des Gray vollzog. 


Die nächsten Vorstellungen sind am 24. Mai, 14. Juni jeweils um 19:30.

Samstag, 24. Februar 2018

Gläser gegen Klimawandel

(Wanna) Mit der Installation: „Klimawandel? So´n Quatsch! Das machen wir später.“ habe ich 2013 eine sogenannte Work in Progress begonnen, eine stets anwachsende Sammlung von Lebensmittelgläsern die in verschiedenen Formen arrangiert werden. Zur Zeit ist die Arbeit noch in Wiesenbach bei Heidelberg in der Galerie des Vereins kgb auf dem Antoniushof zu sehen.

Mit dieser Installation beziehe ich ganz bewusst keine Stellung ob der Klimawandel kommt, da ist oder eine Fiktion ist. Ich rücke den Klimawandel lediglich in einen Betrachtungswinkel der auf Klimakonferenzen und Diskussionen, in Firmenentscheidungen und Flüchtlingscamps, und an verschiedenen anderen Orten der Welt so nicht  gesehen wird. Vorausgesetzt es gibt ihn, den Klimawandel, dann wird er mit jedem Tag, an dem wir nichts (oder nicht genug) dagegen unternehmen, schwieriger aufzuhalten. Ich will eine künstlerische Aufmerksamkeit erzeugen wie groß die Anstrengung sein muss um den Klimawandel aufzuhalten bzw. wieder umzukehren. Um diesen Gedanken auf eine anschauliche und erfahrbare Art darzustellen plane ich für die nächste Ausstellung der Installation eine umfangreiche Dokumentation zu erstellen. Die Installation aus nunmehr schon 3000 Gläsern soll dann zu einer Welle aufgebaut werden. Doch 3000 Gläser sind nicht genug. Das nächste Ziel sind mindestens 5000 Gläser!

Bei der ersten Ausstellung im Wilke Atelier in Bremerhaven hatte ich 174 Gläser zu einem kleinen Haufen aufgestellt, zur 2 Ausstellung auf der ReArt t(W)oo in Ilienworth waren es 381 Gläser, bei der Kap Hoorn Art die 6. in Bremen waren es bereits 1000 Gläser und jetzt in Wiesenbach sind es schon 2500 Gläser. Weitere 500 Gläser stehen schon für die kommende Ausstellung bereit. Die Sammlung soll jedoch solange weitergehen bis die Installation gekauft wird. Die Hälfte des Erlöses spende ich dann an eine Vereinigung die sich in kultureller und/oder künstlerischen Weise gegen den Klimawandel engagiert.

Bisher habe ich selbst Gläser gesammelt, Freunde und Bekannte und Familienmitglieder gebeten auch zu sammeln und bei Ausstellungen Gläserspenden entgegen genommen. So sind die ersten 3000 Gläser zusammengekommen. Doch jetzt wende ich mich an alle die diesen Artikel lesen, an euch, und die weitere Menschen für dieses Projekt begeistern möchten. SAMMELT GLÄSER!!! Ich werde an vielen Stellen in der BRD Sammelstellen einrichten, und freue mich darüber wenn Ihr das auch macht. Bis Ende Februar 2018 können Gläser in der Galerie des kgb Wiesenbach abgegeben werden. Ab sofort sammelt die Keramikerin Angela Färber von der WerkstattGemeinschaft 194 in der Bürgermeister-Smidt-Str. 194, 27568 Bremerhaven die Gläser. Die Werkstatt hat Mittwoch bis Freitag von 11:00 bis 19:00 geöffnet. In der Zeit kann man auch die wunderschönen Töpferwaren anschauen und erwerben. Gesammelt werden alle Lebensmittelgläser mit einem Metalldeckel. Die Gläser werden gespült und poliert und mit einem Label versehen auf dem das Datum der ersten Ausstellung des jeweiligen Glases steht. Die Gläser werden nach der jeweiligen Ausstellung gelagert. Wenn es 10.000 Gläser sind werden die Gläser in einem Happening auf besondere Weise gewandelt, und bei weiteren Ausstellungen in der gewandelten Form ausgestellt.


Wenn ihr Sammelstellen einrichtet oder größere Mengen Gläser spenden wollt könnt ihr mich unter der o. g. email-Adresse erreichen. Über die weiteren Fortschritte mit diesem Projekt werde ich mich von Zeit zu Zeit auf dieser Seite melden. Ich freue mich auf viele Gläser von euch.

Samstag, 17. Februar 2018

Fingerübungen des kreativen Schreibens

(Berlin) Anfänglich hatte ich eine unbestimmte Abneigung gegen das Buch aus dem Duden Verlag. Doch dann, weil es meine sentimentale Ader ansprach, ließ ich mich ein kleines bisschen darauf ein. Ich habe eine Neigung zu haptischen Erlebnissen. Und die Beschreibung darüber wie man seinen Schreibplatz einrichten möge, verleitete mich dazu mit einer wachsenden Neugier zu lesen. 

Ich bevorzuge eine andere Richtung des kreativen Schreibens. Eine Richtung in der es viel darum geht wie man die beiden Hirnhälften in den kreativen Prozess einbezieht. Hanns-Josef Ortheil schreib nicht ein einziges Wort darüber. Und im Literaturverzeichnis finde ich auch keine Erwähnung eines dieser Bücher, die ich bereits wissbegierig verschlungen habe. Und ehrlich gesagt die Unzahl von Schreibaufgaben die einen Schriftsteller aus mir machen können, kann ich auch nicht mehr ausstehen. Aber Ortheil gibt einen etwas anderen Ansatz den ich so noch nicht gesehen hatte, den handwerklichen Ansatz. Die Fähigkeit lesen und schreiben zu können einmal vorausgesetzt geht es darum wie man diese Werkzeuge für das Schreibhandwerk benutzt. Die kleine Verbindung zwischen dem Wissen wie man einen Satz mit Punkt und Komma bildet und dem wie man etwas ureigenes erzählt. Das ist nicht die Fortführung der Kenntnisse darüber wie ein Aufsatz geschrieben wird, sondern wie ich aus mir genau das heraus bringe - was ich zu sagen habe. Der Autor Hanns-Josef Ortheil kennt mich nicht und kann in Folge dessen auch nicht eine persönliche Beratung geben. Er findet aber in den 25 Schreibübungen einen Ton der sowohl präzise ist in der Anleitung, als auch frei in der Ausführung wie ich die Übungen machen kann.

Dabei folgt er einer wenig strengen, aber konkreten Didaktik. Er beginnt mit dem Arbeitsplatz, der Zeiten, den Geräten um so ein Raum-Zeit-Kontinuum zu etablieren. Bereits im ersten Kapitel wird deutlich, man muss sich für das Schriftstellerleben entscheiden. Das Buch trennt zwischen den Zeilen sofort zwischen gefühlsduseligen Möchtegernschreibern und denen die es ernst meinen. Sollten sie vorhaben im geschützten Kreis einer Handvoll Freunde in ihrer Freizeit einmal eine Geschichte zu schreiben, dann lassen sie dieses Buch im Laden stehen. Gehen sie lieber für die 14,95€, die sie für dieses Buch gezahlt hätten, mit ihrem Partner ein Eis essen und erfreuen sie sich an der Schlagsahne die andere kunstvoll schlagen. Falls sie aber bereit sind ihr Leben umzukrempeln um feste Schreibzeiten einzurichten, wenn sie bereit sind täglich zu schreiben, auch wenn die Mutter stirbt oder ihre Kinder eingeschult werden, wenn sie bereit sind in ihrer Freizeit einsame Stunden für die Arbeit am Text einzulegen, wenn sie bereit sind Exkursionen zu unternehmen die nur Gleichgesinnte verstehen mit denen sie evtl. weder verwandt noch befreundet sind, dann ist dieses Buch eine sehr lohnende Quelle hilfreicher Anleitungen.

Das Buch gibt so gut wie keinen philosophischen Überbau. Hier nimmt man den Stift in die Hand und bringt die Tinte aufs Papier. Dies ist eine weitere starke Komponente die das handwerkliche an diesem Buch ausmacht. Die Möglichkeit mit Computer zu arbeiten wird kaum erwähnt. Können sie natürlich machen; aber es geht darum die Hände in den Dreck zu stecken, das Ergriffene zu kneten um dann mit schwarzen Rändern unter den Nägeln etwas zu Papier bringen was Bestand hat, etwas Wahres, etwas dass es lohnt geschrieben und gelesen zu werden. Und das ist nicht inhaltlich gemeint sondern handwerklich literarisch. Meiner Meinung nach z.B. hat Rosamunde Pilcher inhaltlich den größtmöglichen Scheiß geschrieben aber auf eine literarisch anspruchsvolle Art. Also welchen Stuss oder welches Banalgefasel sie nach dem Studium dieses Buches auch verzapfen, er kann sehr anspruchsvoll niedergeschrieben sein. Und das halte ich für einen weiteren Vorteil dieses Buches. Die klare Trennlinie zwischen dem was man schreibt und wie man es schreibt. Diese Entscheidung liegt und bleibt ausdrücklich bei ihnen. Ohne auf Kreativität in jedem Kapitel hinzuweisen gibt Ortheil die Schlüssel in die Hand der Leser zu lernen sie anzuwenden. Das ist ein großes Geschenk.

Der Titel: „Mit dem Schreiben anfangen“ deutet auf Grundlagen. Diese Grundlagen sind schon sehr weitreichend. Ich verrate wohl nicht zuviel, wenn ich behaupte man könne sich ein bis zwei Jahre intensiv mit diesen Übungen beschäftigen, ungeachtet dessen ob man den ganzen Tag Zeit hat oder nur einige Stunden täglich abzweigen kann. Und die Übungen geben auch ein abgerundetes Bild dessen was man braucht um erste Texte, kleinere und größere, zu verfassen. Man darf aber nicht vergessen, die Kunst zu schreiben geht noch viel weiter. Wenn man sich intensiv mit den Aufgaben die Ortheil vorschlägt beschäftigt, und erste Texte verfasst, wird sich schnell die Neugier einstellen andere künstlerische Fragen des Schreibens zu klären.

ISBN 978-3-411-74904-1

Freitag, 16. Februar 2018

Entwurf für neuen Lebensraum

(München) Im vergangenen Jahr hat der Oekom Verlag, die Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH, das Buch von Ralf Otterpohl“Das Neue Dorf“ herausgegeben. Vielfalt leben, lokal produzieren und mit Natur und Nachbarn kooperieren sind die Schlagworte dieser Veröffentlichung. Ralf Otterpohl leitet an der TU Hamburg das Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz, und lehrt dort u.a. ländliche Entwicklung und „Eco Town Design“. Ausserdem hat er vielfältige dezentrale Abwassersysteme gebaut, ist ein Pionier der „Terra Preta Sanitation“ und hat das Konzept des „Neuen Dorfes“ entwickelt.

Auf 180 Seiten findet man hier ein umfangreiches Kompendium ökologischer Vorschläge eines neuen, oder wiedererstehenden Lebensentwurfs. Denn um es auf den Punkt zu bringen bedarf es nicht vieler Worte. Was in den 80er und 90er Jahren in der BRD als Alternatives Leben bezeichnet wurde, erfährt in diesem Buch mit aktuellen Erkenntnissen ein Upgrade. Oder, was in den 80ern begonnen wurde ist vielleicht zum großen Teil in Vergessenheit geraten, weil es sich nicht so schnell durchsetzen konnte wie die beteiligten Personen daraus herausgewachsen sind, erlebt nun eine Wiederentdeckung und Weiterentwicklung. Es werden sehr viele praktikable Beispiele für einen besseren Umgang mit der Natur angeführt und auch mit weiterführenden Informationen abgerundet. Dennoch muss man sagen, und der Autor benennt es auch an einigen Stellen, das Problem sind nicht die Möglichkeiten, sonder der Mensch selbst. Offensichtlich gibt es genügend erprobte funktionierende Alternativen dazu die Welt als einen riesigen Müllhaufen zu betrachten, aber es fehlt einfach der Wille der Menschen erwachsen und verantwortungsbewusst zu werden. Die Lektüre erschöpfte mich mit einer schier nicht enden wollenden Flut sehr nützlicher und wertvoller Informationen, und stieß mich immer wieder auf die Frage wer das alles umsetzen will und wie. Es geht nicht darum die alternativen Möglichkeiten aufzulisten, sondern einen Weg zu finden wie diese Möglichkeiten von der Menschheit praktiziert wird und zwar auf Dauer, auf die Dauer mehrerer Generationen. Das Buch schreit förmlich nach einer ökologischen Soziologie und ökologischen Weltwirtschaft. Wenn es keine ernsthaften Bemühungen, auch von staatlicher Seite, gibt unsere Werte und Lebensentwürfe neu zu formulieren, dann brauchen wir dieses Buch nicht. Andererseits ist dieses Buch aber ein wertvoller Beitrag dazu um Werte und Lebensentwürfe neu zu überdenken und zwar von jedem Einzelnen. Es zu lesen lohnt sich.

Ralf Otterpohl - Das Neue Dorf 
Oekom Verlag ISBN 978-3-96006-013-0

20,00€

Freitag, 9. Februar 2018

Der Wert der Arbeit

(Oldenburg) Die Automation der Arbeit macht den Menschen als Arbeiter immer wertloser. Viele Menschen, ob Soziologen, Politiker, Arbeitslose, Manager und selbstverständlich Künstler, beschäftigen sich mit der Frage, welchen Wert die ersten für immer aus dem Arbeitsprozess herausgenommenen Körper haben? Wenn Arbeit unseren Lebensstatus definiert, wenn wir persönliche Anerkennung darüber erlangen ob wir arbeiten und wie wir dafür entlohnt werden; was geschieht dann mit den Menschen - die wir als Gesellschaft - nicht mehr im Arbeitsprozess eingliedern können? Und die die noch arbeiten, welchen Wert hat deren tägliche Verrichtung für sie persönlich - abgesehen von der Entlohnung? Die flausen+ Stipendiaten im Oldenburger Theater Wrede+ forschten in den vergangenen vier Wochen unter dem Titel Actions for the worthless Body. Mittwoch Abend war die öffentliche Darbietung der Forschungsergebnisse der Stipendiaten: Christopher Gylee, Richard Aslan, Ana Berkenhoff und Alexander Carillo.

flausen+ young artists in residence ist ein vom Theater Wrede+ ins Leben gerufenes Forschungs- und/oder Weiterbildungsprogramm. In allen Bereichen der Arbeitswelt gibt es Weiterbildung. Den Anspruch auf Bildungsurlaub mit z.T. gut geförderten und weit gefächerten Angeboten sollte jedem ein Begriff sein. In den darstellenden Künsten ist so etwas allerdings eine Seltenheit. Die Bühnenkünstler stehen in extremen Produktionsstress zu oft extrem schlecht finanzierten Projekten - die mit einem aussergewöhnlich hohem Mass an Engagement und Herzblut der Künstler realisiert werden. Das durchschnittliche Jahreseinkommen in den freien Darstellenden Künsten liegt ca. 60% unter dem bundesweitem durchschnittlichen Jahreseinkommen welches von der Deutschen Rentenkasse für 2017 ermittelt wurde. Darüber hinaus verfügen die Freien selten über eigene Produktionsstätten. Sie sind auf Kooperationen mit freien Theaterhäusern angewiesen. Das bedeutet nicht nur eine große Flexibilität in künstlerischen Fragen und eine über Gebühr hohe Kompromissbereitschaft, sondern auch die Bereitschaft quasi heimatlos umherzuziehen. Diesen ehr getrieben Künstlern stehen in diesem Jahr sechs Forschungsstipendien zur Verfügung. In vier Wochen können die Gruppen ohne Leistungsdruck forschen: an einer bestimmten Frage, an ihrem künstlerischem Stil, an neuen Theaterformen, also an den Themen denen sie sonst kaum oder keine Zeit widmen können. Und das es dafür eine begründete Nachfrage gibt zeigen schon allein die 170 Bewerbungen die auf diese sechs Stipendien gestellt wurden.


Beim #33 making off, der Schlusspräsentation, sind zwei Sachen die ich besonders hervorheben möchte die Simplizität der Arbeitsweise und die Art der Fragestellung. Mit der beginnenden Frage, „Was macht der Körper wenn er arbeitet?“ stellten sie sich den Regieanweisungen aus Theaterstücken wie z.B.: …trägt ein Tablett, …hält einen dünnen Stab oder ähnliche Anweisungen. Die aus dem Kontext gerissene Anweisung steht nun nur noch als Handlung isoliert. Der Ausdruck auf eine Aussage die dem jeweiligen Stück entspräche entfällt.  Wenn man zuviel Bedeutung in eine Frage steckt, dann legt man das Ergebnis quasi von vornherein fest. Der Forscher ist eben immer auch Teil der Forschung. Um etwas neues zu erfahren haben sich die Akteure mit einer Fülle von Fragen beschäftigt. Im Prozess, diese Fragen auf der körperlichen Ebene zu erfahren, durch häufige Wiederholung haben sie das erreicht. Bei jeder Wiederholung entstehen kleine Abweichungen, folgt man denen, hat man die Chance sich auf unbekanntes Gebiet zu begeben. Und offensichtlich ist es dieser Forschungsgruppe gelungen in dem aus den schlichten Regieanweisungen dynamische Prozesse, die wie eine intelligent gestaltete Szene wirken, entstanden. Das Feedback aus dem Publikum des Abends zeigte dann auch wie ergreifend und vielschichtig und auch ähnlich die Szenen erfahren wurden. Der Arbeitsprozess ist in etwa nachzuvollziehen wenn man sich das Logbuch betrachtet, das die Gruppe während der vierwöchigen Arbeit täglich geführt haben. (www.flausenblog.de) Die Stärke dieser Arbeit liegt in der Einfachheit, die offensichtlich nicht zu endlosen Diskussionen führte, sondern auf der darstellerischen und körperlichen Ebene kommuniziert wurde. Eine weitere bemerkenswerte Qualität dieser Gruppe liegt somit in deren künstlerischen Freiheit, die ein Handeln mit wenigen Filtern gleichkommt; der Freiheit etwas unverblümt darzustellen um dann selber zu schauen was es ist. Once we were Islands sind Christopher Gylee und Richard Aslan. Sie kennen sich über ein Netzwerk für Künstler und haben schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet. Für dieses Forschungsprojekt haben sie sich mit Ana Berkenhoff und Alexander Carillio zusammen beworben, und auch zum ersten Mal gemeinsam gearbeitet.

Freitag, 17. November 2017

Kleist als Hörspiel(?!) am Bremer Theater

© by theater bremen
(Bremen) Literatur auf der Bühne am Bremer Theater. Mit Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist gab es gestern vor ausverkauftem Haus eine Schauspielpremiere die die Gemüter wohl in krasse ästhetische Lager trennen wird. Für die einen könnte es innovatives Theater gewesen sein, für die anderen bestenfalls ein visuelles Hörspiel.

Man muss bestimmt kein Liebhaber Heinrich von Kleist´s Erzählungen sein um ihn zu mögen. Denn seine Sprache ist gewaltig, fesselnd, beschreibt genau die Sache und saugt den Leser/Hörer in die Geschichte hinein. Diese Wortgewalt muss dem Regisseur Martin Grünheit, der auch Gründungsmitglied des freien Theaters cobratheater.cobra ist, sehr vertraut sein. Denn seine Inszenierung stütz sich und windet sich sehr texttreu an der Erzählung. Und man kann ihm auch bescheinigen die oft verschlungenen Sätze mit verschiedenen Ebenen und Nebenentwicklungen, wie man es an Kleist besonders lieben kann, seiner intensiven Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Der Text ist auf das fünfköpfige Spielerensemble wie in einem vielstimmigen Orchester aufgeteilt, wodurch eine interessante Rhythmik, Dynamik und ein spontaner Sprachwitz entsteht. Andererseits fällt dieser Leichtigkeit und Tempoorientierung die Bedeutung zum Opfer. Gerade die Kraft des darstellenden Spiels hätte Kleist´s Erzählung auf eine noch kraftvollere Ebene gehoben als so wie hier auf die Reduzierung der nackten Rezitation. Die Schauspieler hatten zwar einiges an Wege zurück zu legen, oder isolierte Gesten hier und da zu zeigen, aber das trug nicht sonderlich dazu bei den Sinn der Interpretation zu klären. Die Musik von Colin Hacklander und Farah Hatam dagegen schafften eine sehr beeindruckende Atmosphäre. Das deren Wurzeln unter anderem bei den Einstürzenden Neubauten lag war nicht zu überhören so z.B. als des Junkers Anwesen von Kohlhaas eingenommen wird. Unter den Schauspielern, die man alle als sehr engagiert beschreiben darf, muss man besonders Gina Haller hervorheben. Z.B. ihre Rede des Martin Luther war beeindruckend und von vielschichtigem Witz.


Die Ankündigung im Programmzettel der Michael Kohlhaas würde verkörpert ist eben so fragwürdig wie es übertrieben ist den Kohlhaas als Terroristen zu bezeichnen. Die Inszenierung bietet dafür kaum Ansatzpunkte. Denn wo, so frage ich, wurde die „Engstirnigkeit“ thematisiert, oder wo sein Ringen um einen heldenhaften Kampf für eine weitblickend gerechtere Zukunft? Das erschöpfte Publikum applaudierte dennoch ganz anständig. Weitere Termine: 18.11., 15.12., 17.12., 18.12.2017 14.01., 07.02., 16.02.2018

Montag, 13. November 2017

Erste Premiere der BallettCompagnie Oldenburg

© by Stephan Walzl: Marié Shimada, Ensemble
(Oldenburg) Schon der Titel „Drei Generationen“ verwies mit vier Choreografien auf ein breit gefächertes und Zeit überspannendes Programm. Stilistisch gesehen könnte man sagen, wurde hier der Stab vom Meister auf den Schüler weiter gegeben, wodurch ein verbindendes Ausdrucksrepertoire entstand. Die vier einzelnen Stücke erforderten mehrere Unterbrechungen, denn es wurden Kostüme gewechselt, die Beleuchtung anders eingerichtet und auf der Bühne wurden Wandlungen vorgenommen. Das Publikum im kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters schien wegen dieser Pausen überrascht, diese kleinen Unterbrechungen waren aber unvermeidlich.

Die erste Choreografie „From the Lighthouse“ von Lester René Gonzales Álvarez wird im Programmheft als eine Arbeit über Angst angekündigt. In der ca. 20 Minuten dauernden Uraufführung, die mit interessanten Momenten sehenswerte Bilder zeigte, schien allerdings die Angst nur eine geringe Rolle zu spielen. Die Kostüme erinnerten an einen Hauch von Gothik; wäre da vielleicht noch etwas schwarzer Lippenstift gewesen. Der angekündigte Ausdruck versteckte sich hinter einer konzeptuellen, erdrückenden Ästhetik. Die eigens für diese Arbeit komponierte Musik von Johann Pätzold eröffnete mehr Möglichkeit um das Wesen der Angst sichtbar zu machen.

Dann fragte Antoine Jully durch die Tänzer Eleonora Fabrizi und Timothée Cuny in einer Begegnung zwischen Mann und Frau „Is this it?“ Leere Bühne und ein einsamer Stuhl. In einer kryptisch verschlüsselten Bildsprache stellen sich beide verschiedenen Situationen die einen intellektuellen Anstoss zum Zusammenwirken von Mann und Frau geben. Die Musik, und das ist ein bemerkenswertes Highlight, kommt von Asaf Avidan. Der israelische Musiker, Autodidakt, verfügt über eine Stimme die direkt ins Herz seiner Hörer geht. Obwohl man sich gewünscht hätte, er würde live dabei sein, muss ich doch gestehen, dass durch den eingespielten Ton die Einsamkeit um die beiden Figuren auf der Bühne noch eindringlicher wirkte.

„Tensile Involvement“ ist eine Arbeit von Alwin Nikolais, einem amerikanischen Choreografen, aus dem Jahre 1953. Dies kleine Zwischenspiel von nur wenigen Minuten war der erfrischende Gegenpol zu dem ansonsten ehr düsteren, nachdenklich stimmenden Abend. Farbenfroh und voller Überraschungen konnte man hier einen Eindruck davon bekommen was in den 50ern als digitale Zukunft verstanden wurde. Wer den Film Logans Run kennt wird sich erinnert fühlen an eine Vision der Zukunft in der hirnlose Geschöpfe in einer aufgesetzten Fröhlichkeit unbeschwert und zu allem ‚Ja‘ sagend durchs Leben gehen. Heute, 64 Jahre später, sehen wir in der luftig leichten Arbeit von Nikolais wie treffend und vorausschauend er doch war.

Der Abend schloss mit „Harmonic Language“, eine weitere Uraufführung von Antoine Jully, nach der Musik von Béla Bartók, Streichquartett Nr. 4. In dieser Arbeit beschäftigte sich Jully mit der Beziehung zwischen Musik und Tanz. Die Tänzer sind in uniformen weißen Overalls gekleidet, um eine Tanzsprache zu erfinden mit der Jully „die Musik so genau wie möglich mit dem Körper einfangen möchte“.


Abgesehen von den kleinen Zwischenspiel des Totalen Theaters Alwin Nikolais‘ war es ein recht dunkler und intellektuell geprägter Abend. Die Körpersprache wurde in ein ehr enges Korsett tänzerischer Freiheit gedrängt. Das kann man sicher als eine stilistische Herausforderung betrachten, machte es aber für viele Zuschauer zu einem schon fast überstrapazierten par force Ritt. Dies war nicht der Abend an dem man zurückgelehnt schöne Ästhetik vorgeführt bekam. Vielmehr war es fordernd und forschend, und böse Zungen würden sogar sagen, man habe sich mit diesem Anspruch etwas verhoben. Während die Oldenburger Fangemeinde sich jedoch zu einem frenetischen Applaus hochschaukelte verstummte der Beifall beim anderen Teil des Publikums in fragend zu Boden gerichteten Gesichtern.