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Dienstag, 8. August 2017

Grenzen sprengende Inszenierung an der Glocksee

© by Jonas Wömpner
(Hannover) Am vergangenem Samstag hatte das Ensemble am Theater an der Glocksee Premiere mit der Uraufführung des Stücks „Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“ Das Theater war schon am Vortag bis auf den letzten Platz ausverkauft, und das Publikum wurde mit einer starken Inszenierung über Ausgrenzung und Schutz der Identität überrascht. Das engagierte Ensemble hatte sich diesem nur schwer zugänglichem Thema intensiv genähert, das Publikum schon im Probenprozess mit eingebunden und so ein beeindruckendes Bild entworfen. Der lang anhaltende Schlussapplaus zeigte wie dieses theatrale Wagnis aufging. 

Die Parolen der Identitären sind so unfassbar dumm, widersprüchlich, inhuman und aus einer infantilen Angst geboren, die nicht einmal im Entferntesten Kultur und Zivilisation entsprechen. Vielleicht ist diese Reaktion aus der Unfähigkeit oder Verantwortungslosigkeit geboren, mit denen die führenden Politiker Europas, oder sogar weltweit, ihren Wählern begegnen, mit der sie um jeden Preis alle auch noch so abstrusen Forderungen der Wirtschaft Raum geben und gnadenlos durch setzen. Man beachte nur dass die derzeit diskutierten internationalen Handelsabkommen, wie z.B. Ceta und TTIP, die Rechtsstaaten ad absurdum führen. Wenn die Wählerschaft mit nur marginalen Informationen gefüttert wird ohne dass diese sich ein begründetes Urteil bilden kann, sollte es doch niemanden wundern, wenn sich ein Gefühl der Ohnmacht und Unverstandenheit ausbreitet; der Nährboden für krudes Gedankengut wie es dann z.B. durch protektionistischen Gruppierungen wie die Identitären, Pegida oder der AfD gespiegelt wird. Menschen die nur innerhalb ihres eigenen Tellerrands ihren geistigen Blick schweifen lassen, werden kaum in der Lage sein verwertbare Schlüsse auf das politische Gefüge des eigenen Landes, und schon gar nicht Europas, zu ziehen. Dieses inzestuöse Gedankengut, in dem sich durch einzelne Parolen viele Menschen die sich zurückgelassen fühlen wiederfinden, bietet nur wenig Angriffsfläche und wuchert in seiner glitschigen Erscheinungsform im diffusen Meinungssumpf auf der Ebene von Tratsch und Klatsch - jedoch nicht auf der Ebene einer erwachsenen politischen Auseinandersetzung und Lösungsfindung der realen Probleme unserer Zeit. 

Man kann unumwunden und voller Respekt den Hut ziehen wie das Ensemble vom Theater an der Glocksee den Mut aufbrachte so ein Thema zu bearbeiten. Denn im Theater, in der Dramaturgie, braucht es einen Schurken (oder Protagonisten) der sich im Laufe des Stücks wandelt. Doch hier ist der Protagonist einfach nicht zu greifen. Es gibt kein klares Bild, vielleicht mehr ein System, oder ein inneres unreflektiertes Gefühl, eine auf schlecht informierter Basis gebildete Meinung, eben etwas Diffuses. Oder wie sonst sollte man ein Gedankengut bewerten dass einen sogenannten „großen Austausch“ befürchtet. Das ist mindestens so aus der Luft gegriffen wie seiner Zeit die Angsttreiberei vor den Juden. Ebenso wie die Reaktion Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer zu versenken damit die Flüchtlinge ertrinken mögen um das Problem so zu lösen. Mit dieser Theaterproduktion gelangt das Ensemble an der Glocksee an die Grenzen der Kommunikationsform des Theaters selbst. In der Vergangenheit konnte man große politische Bewegungen an einzelnen Personen darstellen, wenn man z.B. an Schillers Wallenstein oder Büchners Danton denkt. Doch dieses Thema begründet nicht auf einen Schuldigen/Schurken/Leidenden, Das Thema ist mehr eine notwenige Bewusstwerdung, einer ernsthafteren Beschäftigung mit den Strömungen unserer Zeit. Vielleicht ist sogar der Gang zur Wahlurne erst möglich, wenn man ein intensives Studium der Verhältnisse absolvierte, um nicht als mündiger Demokrat und Wähler ein Spielball von geschickten Werbestrategien zu werden. 

© by Jonas Wömpner
Um dieses Myzel gesellschaftlicher Meinungsbildung zu greifen hat die Regisseurin Milena Fischer aus drei Ressourcen eine Beschreibung geflochten die sich wie ein komplexer Gedanke über den gesamten Abend spannt. Die Geschichte die durch den Abend führt ist „Der Bau“, eine unvollendete Erzählung von Franz Kafka. Diese Fabel um einen Dachs in seinem Bau, verbindet sie dann mit Aussagen aus David Finchers Film „Fight Club“ in der die empfundene Ohnmacht durch extreme Reaktionen, wie eben Faustkämpfe, kompensiert wird. Die dritte Zutat in diesem Cocktail sind Zitate aus den aufkeimenden rechten Bewegungen wie z.B. den Identitären. Ein Gefühl von Heimat wird gezeigt, seine berechtigte Verbundenheit damit und auch die manipulative Nutzung des Heimatgefühls. Fischer legt hier eine Arbeit vor die über mehrere Jahre intensiver Recherche entstanden ist, und man spürt das Herzblut mit dem das Stück geschrieben wurde. Während der Probenwochen gab es drei Treffen im Theater, in der das Ensemble eine wechselnde Gruppe besonders interessierter Theatergänger einlud um sie im Entstehungsprozess einzubinden und zur mitwirkenden Kritik ermunterte. So entstand auf vielen Ebenen eine künstlerische Arbeit die auf ähnlichen Wegen geformt wurde wie das Thema sich selbst zeigt, systemisch und gemeinschaftlich/gesellschaftlich.

Der Schritt von der komplexen Idee in die praktische Handlung des Theaters wurde hier mit einem treffenden Bild vollzogen (Bühne von Britta Bremer). Der Theaterboden war mit Rindenmulch abgedeckt, so entstand sofort der Eindruck, man befände sich im Wald. Die diffuse Beleuchtung, die Anordnung der Tribünen, die karge, urbane Gestaltung des Raums selbst weisen auf das Innere eines unterirdischen Baus. Wie ein vielschichtiger lebendiger Organismus erzählt dann der Dachs, gespielt von Yves Dudziak, Lena Kußmann und Jonas Vietzke, als choreografierte, dynamische Einheit von seinem Bau. Man wird in einer Mischung aus Spannung, eruptiven Wechseln, und stillen, einkehrenden Momenten in das Geschehen hineingezogen. Die Grenze zwischen Zuschauer und Bühnengeschehen wird dünn, löst sich zuweilen auf, und man kann nicht länger als Betrachter nur da sitzen, man ist involviert. Diesen schmalen Pfad, zwischen professioneller Darstellung eines theatralen Moments und der konkreten Einbindung der Zuschauer, wanderten die drei Akteure mit sicheren Schritten. Eine gelungene Einladung die eigene Distanziertheit abzulegen um Teil eines größeren Ganzen zu werden. Und das ist auch die Empfehlung die hier ausgesprochen werden darf: Verpassen sie nicht die Begegnung mit diesem Stück und der daraus sicher folgenden Diskussion über die Verantwortung die jeder von uns trägt.


„Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“. Kostüme Hanna Peter, Choreografie Henrik Kaalund. 
Siehe auch: Fight Club Dachs
Weitere Vorstellungen:  09., 11., 12., 16., 18.,19., 23., 26. August und 06., 09., 20., 22., 23. und 27. September 2017 Beginn jeweils 20:00 
Kartenreservierungen zu 14,00€ und 10,00€ unter Tel.: 0511 - 161 3936 oder über: www.theater-an-der-glocksee.de

Freitag, 4. August 2017

Premiere an der Glocksee

© Jonas Vietzke
(Hannover) Morgen am Samstag den 05. Aug. 2017 um 20:00 ist die Premiere von „Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“ im Theater an der Glocksee in Hannover. Es gibt noch einige Karten, eine Reservierung empfiehlt sich dennoch.

In den vergangenen Wochen habe ich hier schon zwei Mal von den Proben des neuen Stücks berichtet. Am Mittwoch zur ersten Hauptprobe waren die V.I.P.‘s noch einmal eingeladen um den Blick hinter die Kulissen zu wagen. Ein dachsartiges Wesen spricht über seinen Bau unter der Erde sein Zuhause, sein Stück Heimat. Doch dann wird der Friede unter der Erde gestört - von einem Fremden unbekannten Wesen, einem Feind wohlmöglich?

Nach dem Stück von Franz Kafka „Der Bau“ und weiteren umfangreichen Recherchen entstand dieses Stück in der Regie von Milena Fischer mit dem Glocksee-Ensemble. Es darf ein energetischer Theaterabend erwartet werden der sich den Absurditäten der aktuellen Strömungen von Protektionismus und Verschwörungstheorien entgegen stellt.


Siehe auch die Artikel: Einführung und Probenbesuch
Kartenreservierung: www.theater-an-der-glocksee.de

Montag, 31. Juli 2017

Gegenstandsfreie geometrische Abstraktionen

(Otterndorf) Seit dem 16. July wird im Museum gegenstandsfreier Kunst John Nixon ausgestellt. Die Ausstellung kann noch bis zum 01. Oktober 2017 in der Zeit von Di. bis Fr. 10:00-13:00 und 15:00-18:00, sowie Sa., So. + Feiertags von 15:00-18:00 besucht werden
Seit den frühen 1970er Jahren untersucht John Nixon die Prinzipien von minimalistischer und geometrischer Abstraktion. Seine persönliche Palette von Primär- und Sekundärfarben, die Auswahl konventioneller und weniger konventioneller Materialien und eine starke Beziehung zu dem ihm umgebenden Raum sind der Schlüssel zu Nixons eigener Kunstform, die ihren Ursprung im frühen 20. Jahrhundert findet. Nixons künstlerische Motivation speiste sich anfangs aus der Minimal Art der späten sechziger Jahre, der Konzeptkunst und der Arte Povera; später und bis heute verarbeitet er Einflüsse des frühen russischen Konstruktivismus, des Futurismus und des Fauvismus – Bewegungen, die ihre Herausforderung darin suchten, die Funktion und den Zweck von Kunst neu zu definieren.
Die Ausstellung bietet einen Querschnitt verschiedener Aspekte aktueller Arbeiten des Künstlers: Collagen, Zeichnungen, Radierungen, Fotografien und Videos. Jede dieser Disziplin unterliegt eigenen Gesetzen, bietet so individuelle Möglichkeiten und zeigt Nixons Werk aus unterschiedlichen Perspektiven. Dem Betrachter wird so ein umfassender Blick hinter John Nixons noch nicht abgeschlossenem Projekt der Beschäftigung mit der Abstraktion ermöglicht.
John Nixon wurde 1949 in Sydney, Australien geboren. Er studierte von 1969 bis 1970 an der National Gallery of Victoria School of Art. Nixon stellt seine Werke seit den frühen siebziger Jahren weltweit aus. Viele davon befinden sich in Sammlungen wie der Daimler Kunstsammlung in Stuttgart oder in der Stiftung für konkrete Kunst in Reutlingen.

Freitag, 28. Juli 2017

Tags, Graffitis, Adbuster und vieles mehr

© by Kunsthalle Wilhelmshaven
(Wilhelmshaven) Farben- und Ideenvielfalt ist das erste was einem in den Sinn kommt, wenn man die Arbeiten der Ausstellung ungeniert/engagiert in der Kunsthalle Wilhelmshaven sieht. Gezeigt wird bis zum 24. Sept. 2017 die sogenannte Street Art. Beteiligt sind 16 Künstler und Künstlergruppen aus verschiedenen Teilen der Welt. Man findet bekannte Urgesteine sowie jüngere Akteure, es gibt die studierten Künstler mit unterschiedlichen Abschlüssen und Autodidakten, es gibt die real anwesenden Künstler und es gibt Anonyme. Was sie vereint ist eine subkulturelle Aktivität, in der sie sich engagiert und kritisch auf künstlerischem Wege mit den Themen ihrer Zeit und Umgebung beschäftigen. Eine Kunst die jenseits vom etablierten Kunstmarkt zu finden ist, ihm aber nichts an Wert und Talent nachsteht.

Eine Woche vor Ausstellungsbeginn reisten die Künstler an und bearbeiteten die Räume der Kunsthalle. Die Wände - ja die gesamte Architektur der Kunsthalle - bietet sich dafür sehr gut an. Im Kernpunkt der Halle steht eine Sichtbeton Stele die drei Ebenen miteinander verbindet. Die Wände sind meist aus Ziegelsteinen und bieten somit die Bedingungen als wäre es ein öffentlicher Platz. Nur dieser Raum ist eben überdacht und nicht dem Wetter ausgesetzt. Lediglich zwei Arbeiten sind aus Berlin herangeschafft worden. Alle anderen Werke sind in der Kunsthalle original entstanden. Zum größten Teil sind diese Arbeiten auch nicht abzunehmen. Nach der Ausstellung werden sie entfernt oder Übermalt. Diese Vergänglichkeit hat Matthieu Martin sich gewählt um damit eine Dokumentation zu schaffen. Er hat die Graffitis fotografiert die von Hauseigentümern mit einer grauen Farbe übermalt wurden. Es ist ein Statement um zu zeigen, die Kunst ist da auch wenn sie nicht zu sehen ist. Als hätte sich der Versuch die Botschaft ausradieren zu wollen ins Gegenteil verkehrt. Dies ist einer der bemerkenswerten Züge der Street Art - Eigentumsanspruch. Die Vergänglichkeit durch Witterung oder Beschädigung oder Entfernung/Übermalung ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeiten. Die Künstler untereinander haben ihre Codes und Regeln wie und wann sie Arbeiten befreundeter Künstler übermalen. Der Erhalt der Arbeiten ist nicht das Ziel. Vielmehr ist es die kreative Äußerung die durch kein Gesetzt oder Staatsgewalt verhindert werden kann. So findet man den Schriftzug 1UP überall an Stellen die kaum zu erreichen, oder strikt verboten sind. IUP bedeutet One united Power. Man kann nicht genau sagen wie viele Sprayer ihn ausführen (es mögen mehrere Dutzend sein), denn sie sind anonym. Bei ihren Aktionen, die U-Bahn-surfen mit einschließen, machen sie manchmal kleine Filme die auch in Wilhelmshaven zu sehen sind.

Aber nicht alles wird im verbotenem Umfeld ausgeführt, oder wird zumindest doch geduldet. Da sind z.B. die kleine Figuren von Joy. Sie sind wie kleine Installationen im öffentlichem Raum zu finden und sollen einen Moment der Freude in die Herzen der Entdecker zaubern. Oder da sind Marx und Engels die überlebensgroß von einem Berliner Denkmal in Pappmache abgenommen wurden. Oder das Haus aus Pappe, mit dem das Problem der Gentrifizierung in einem Berliner Stadtteil nachgestellt wird. Detailgetreu ist da ein Mehrfamilienhaus aus Kartons aufgebaut in denen die verschiedenen Massnahmen und Schritte dargestellt werden wie ein Stadtteil sein Gesicht verliert. Politische Aussage ist oft ein zentraler Punkt in den Street Art Werken.

© by Kunsthalle Wilhelmshaven
Die Kuratorin Caro Eickhoff hat hier eine Auswahl getroffen die viele Facetten der Street Art spiegeln. Eickhoff ist selbständig tätig und veranstaltet Führungen durch Berlin um den Gästen die Kunstwerke zu zeigen die die Stadt zu bieten hat. Sie ist auch am 3. Aug. um 19:00 bei der Küstendebatte anwesend wenn Yety, Skore79 und weitere Gäste in der Kunsthalle die Frage erörtern: Ist Street Art politisch? Eine weitere Veranstaltung ist z.B. die „Secret Signs Tours“ durch Wilhelmshaven am 17. Aug. ebenfalls um 19:00 die von Skore79 geleitet wird. Wilhelmshaven zeigt in diesem Sommer noch mehr Street Art. Am 05. und 06. Aug. findet zum siebten Mal das Int. Street Art Festival statt bei dem Straßenmaler aus aller Welt in der Innenstadt zu Gast sein werden. Im Küstenmuseum findet ab 25. Aug. die Ausstellung mit dem Titel: Von der Subkultur zum Kunstobjekt - Eine Street Art-Fotodokumentation von Uwe Wohlmacher statt. Dort sind großformatige Fotografien aus einem Jahrzehnt des Journalisten zu sehen, die er in Berlin und Wilhelmshaven geschossen hat. 


Weitere Informationen zu den vielen Veranstaltungen rund um Street Art in diesem Sommer in Wilhelmshaven unter: Kunsthalle Wilhelmshaven

Mittwoch, 26. Juli 2017

In direkter Nachbarschaft mit Wölfen

In den eisigen Gegenden Kanadas und den Rocky Mountains fühlt sich Gurdrun Pflüger, die ehemalige Langlaufsportlerin, zu Hause. Dort lebt sie bei den Wölfen, die sie beschützt und beobachtet. In vielen kleinen Erzählungen berichtet sie über Erlebnisse mit Wölfen und Bären, so wie über Menschen wie Farmern, Jägern und Biologen. Die einen beobachten was die anderen gerne erschießen. Wie ein roter Faden zieht sich die eine elementare Frage durchs Buch: Müssen die Menschen die Natur unterwerfen, sie beherrschen und kontrollieren, oder können sie in Harmonie mit ihr leben?

Durch Pflügers authentische Berichte, die mit viel Hintergrundwissen über Wölfe, Land- und Forstwirtschaft, aber auch über Leistungssport, gespickt sind, bekommt man einen einfühlsamen und fachlich versierten Einblick in die Realität der Wildnis. Ein entscheidender Punkt in Bezug, mit Tieren vor denen sich der Mensch fürchtet, ist ein aufgeklärtes Verständnis für diese Tiere, deren Verhalten und Lebensräume. Angst ist doch eine irrationale  Reaktion auf eine Gefahr, die man nicht in der Lage ist einzuschätzen. Und so wie Bildung der Weg in die Zivilisation ist, so ist das Wissen über Wölfe der Schlüssel zur Koexistenz. Dieses Wissen und die geschilderten Begegnungen, die Gudrun Pflüger schildert, ebnen den Weg für ein harmonisches Miteinander.

Besonders interessant sind die kurzen Kapitel mit der Überschrift „Wolfsspirit“. Hier formuliert Gudrun Pflüger ihre Erlebnisse in einer philosophischen Form, die anregende Gedanken zum eigenen Verhältnis mit Natur und den darin lauernden Gefahren und Nutzen hervorhebt. Aber auch Ratschläge, Werte und eine reflektierte Sicht auf unser überbordendes Sicherheitsbedürfnis kommen zur Sprache. Sie schafft mit diesem Buch eine Verbindung zu der uns allen umgebenden Natur.

Gudrun Pflüger - Wolfspirit Meine Geschichte von Wölfen und Wundern
Patmos Verlag 2013,  ISBN 978-3-8436-0141-2, Hardcover mit Schutzumschlag, 244 Seiten

Freitag, 21. Juli 2017

Zweites Treffen der V.I.P. an der Glocksee

(Hannover) Probenbesuch am Theater an der Glocksee in Hannover. Es liegt die olfaktorische Signatur von Wald in der Luft. Der Ort der Handlung. Der Geruch wird von den Anwesenden sehr unterschiedlich wahrgenommen, doch scheinen alle Assoziationen mit Dachs, Wald und Natur zu korrespondieren. Gekommen sind die „very interesed persons“ vom ersten Treffen, der Einführung in das Stück, und weitere Interessierte. Das kleine Café ist schon dicht gedrängt, da auch der Raum vom Ensemble genutzt wird. Da steht ein Wagen mit Werkzeug und Material, Textblätter liegen herum, Notizen, Requisiten… Die Stimmung der theoretischen Einführung vom 09. July mit Kuchen und Getränken ist einer kreativ betriebsamen Atmosphäre gewichen. Ein Hauch von Lampenfieber liegt in der Luft. Zu sehen gibt es diesmal einen ca. einstündigen Ausschnitt aus der neue Produktion von „Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“.
Es ist ein mutiger Schritt den Probenprozess in dieser Weise für das Publikum zu öffnen. Denn das Stück ist noch in der Entwicklung und die Thematik um Ausgrenzung und Identität ist ein Pulverfass. Schauspieler und Regisseurin ringen noch mit vielen Entscheidungen die zu einem harmonischen, dynamischen und spannenden Abend mit anspruchsvoller ‚Unterhaltung‘ führen werden. Ein mutiger Schritt auch deshalb, weil es eine heikle Gradwanderung ist zwischen nicht zu viel verraten und dennoch schon viel zeigen um die V.I.P. Teilnehmer der Probe auch aktiv in eine Gestaltung mit einzubeziehen. Und das ist hier kein plattes Lippenbekenntnis, sondern eine kritische und fordernde Gesprächsrunde die im Anschluss an der Bühnenprobe geführt wurde. Dabei erzählten Teilnehmer, es sind ca. 20 an diesem Tag, ihre Eindrücke darüber was und wie sie was wahrgenommen haben. Dieses Feedback gibt dem Ensemble wichtige Infos darüber wie sie die Inszenierung weiterhin ausgestalten. Ein Funke wachsender Neugierde springt über. Es wird für die V.I.P. Teilnehmer am 02.08. noch ein weiteren Probenbesuch geben, wenn das Stück schon viel weiter entwickelt ist.

Es sind noch drei Wochen bis zur Premiere. Zu diesem Zeitpunkt ist der Probenprozess naturgemäß fragil. Das Ensemble hat schon so einiges gefunden, will noch viel mehr, sie sind umgeben von Unsicherheiten, und beginnen nun das Tableau von möglichen Bildern, Aussagen, Textstellen, Beleuchtung, Ton- und Bildeinspielungen, Bühnenaufbau, Requisiten, eben das ganze drumherum in eine endgültige Form zu bringen. Schon jetzt ist zu erkennen, dass hier ein besonderes thematisches Feld künstlerisch beackert wird, das sich der öffentlichen Diskussion bisher nur schwer erschließt. Um so mehr darf man gespannt sein wenn sich am 05. Aug. um 20:00 der Vorhang zur Premiere hebt.

Mittwoch, 19. Juli 2017

Terror to go

(Oldenburg) Im Theater Wrede+ gibt es am 18.08.2017 um 19:30 die Premiere eines theatralen Audiowalk mit dem Titel Terror to go. In der Regie von Winfried Wrede und mit Texten von Karl-Heinz Stenz geht es in längeren Fußwegen auf eine Audiotour durch Oldenburg die etwa 90 Minuten dauert. Start- und Endpunkt sind dabei nicht identisch. 

Was ist Terror eigentlich? Eine reale Bedrohung oder bloße Statistik? Und hat der Terror uns schon in der Hand? Wenn wir große Veranstaltungen meiden oder im Zug skeptische Blicke auf andere Fahrgäste werfen. Jeder herrenlose Koffer eine potenzielle Gefahr, jedes fremd klingende Wort ein Verdachtsmoment. Gut, dass wir eh keine Zeit haben, der Angst nachzuhängen. Und trotzdem: das mulmige Gefühl bleibt. Was es bräuchte, ist ein Training. Eine Einführung in all die Dinge, die man wissen müsste, um dem Terror ein Schnippchen zu schlagen.
Das neugegründete “Institut für Zivile Wachsamkeit” macht’s möglich. In einer kompakten Schulung zeigt es den Terror-Interessierten, wie sie sich gegen potenzielle Attacken wappnen können. Auf der Agenda: manövrieren, observieren, Gefahrenquellen aufdecken. In einer geführten Audiotour geht es durch Oldenburg. Hier heißt es, wachsam sein. Die Mitmenschen einmal ganz genau beobachten. Was nach einem harmlosen Plausch aussieht, könnte schließlich auch die Vorbereitung eines Attentats sein. Die Kursleiterin und ein erfahrener Sicherheitsexperte schulen den Blick fürs Detail. Sie gehen den Strategien des Terrors auf den Grund und geben praktische Alltagstipps. Denn wer von uns weiß schon, welcher Platz in einem Café bei einem Anschlag der sicherste ist? Am Ende werden alle ein bisschen schlauer sein. Und ein Zertifikat gibt es natürlich auch.
Terror to go ist eine Performance über die subtile Angst vor dem Terror. Einem Phänomen, das uns allgegenwärtig erscheint, ein mächtiges Medienspektakel, dem wir uns nicht entziehen können. Das Stück führt seine Zuschauer auf den schmalen Pfad zwischen Wachsamkeit und Paranoia, zwischen begründeter Sorge und lähmender Angst. Es schafft Raum für Fragen nach Verantwortung und Handlungsoptionen. Und es lenkt den Blick auf die Wirkungsmechanismen des Terrors und der Medien, die ihn immer professioneller in Szene setzen.

Weitere Tremine im August: 26.08. um 17:00 und 31.08. um 19:30 Es wird gebeten ein Ausweis o.ä. Pfand für einen Kopfhörer und Player mitzubringen. Die Veranstaltung ist nicht barrierefrei. www.theaterwrede.de