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Freitag, 17. November 2017

Kleist als Hörspiel(?!) am Bremer Theater

© by theater bremen
(Bremen) Literatur auf der Bühne am Bremer Theater. Mit Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist gab es gestern vor ausverkauftem Haus eine Schauspielpremiere die die Gemüter wohl in krasse ästhetische Lager trennen wird. Für die einen könnte es innovatives Theater gewesen sein, für die anderen bestenfalls ein visuelles Hörspiel.

Man muss bestimmt kein Liebhaber Heinrich von Kleist´s Erzählungen sein um ihn zu mögen. Denn seine Sprache ist gewaltig, fesselnd, beschreibt genau die Sache und saugt den Leser/Hörer in die Geschichte hinein. Diese Wortgewalt muss dem Regisseur Martin Grünheit, der auch Gründungsmitglied des freien Theaters cobratheater.cobra ist, sehr vertraut sein. Denn seine Inszenierung stütz sich und windet sich sehr texttreu an der Erzählung. Und man kann ihm auch bescheinigen die oft verschlungenen Sätze mit verschiedenen Ebenen und Nebenentwicklungen, wie man es an Kleist besonders lieben kann, seiner intensiven Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Der Text ist auf das fünfköpfige Spielerensemble wie in einem vielstimmigen Orchester aufgeteilt, wodurch eine interessante Rhythmik, Dynamik und ein spontaner Sprachwitz entsteht. Andererseits fällt dieser Leichtigkeit und Tempoorientierung der Bedeutung zum Opfer. Gerade die Kraft des darstellenden Spiels hätte Kleist´s Erzählung auf eine noch kraftvollere Ebene gehoben als so wie hier auf die Reduzierung der nackten Rezitation. Die Schauspieler hatten zwar einiges an Wege zurück zu legen, oder isolierte Gesten hier und da zu zeigen, aber das trug nicht sonderlich dazu bei den Sinn der Interpretation zu klären. Die Musik von Colin Hacklander und Farah Hatam dagegen schafften eine sehr beeindruckende Atmosphäre. Das deren Wurzeln unter anderem bei den Einstürzenden Neubauten lag war nicht zu überhören so z.B. als des Junkers Anwesen von Kohlhaas eingenommen wird. Unter den Schauspielern, die man alle als sehr engagiert beschreiben darf, muss man besonders Gina Haller hervorheben. Z.B. ihre Rede des Martin Luther war beeindruckend und von vielschichtigem Witz.


Die Ankündigung im Programmzettel der Michael Kohlhaas würde verkörpert ist eben so fragwürdig wie es übertrieben ist den Kohlhaas als Terroristen zu bezeichnen. Die Inszenierung bietet dafür kaum Ansatzpunkte. Denn wo, so frage ich, wurde die „Engstirnigkeit“ thematisiert, oder wo sein Ringen um einen heldenhaften Kampf für eine weitblickend gerechtere Zukunft? Das erschöpfte Publikum applaudierte dennoch ganz anständig. Weitere Termine: 18.11., 15.12., 17.12., 18.12.2017 14.01., 07.02., 16.02.2018

Montag, 13. November 2017

Erste Premiere der BallettCompagnie Oldenburg

© by Stephan Walzl: Marié Shimada, Ensemble
(Oldenburg) Schon der Titel „Drei Generationen“ verwies mit vier Choreografien auf ein breit gefächertes und Zeit überspannendes Programm. Stilistisch gesehen könnte man sagen, wurde hier der Stab vom Meister auf den Schüler weiter gegeben, wodurch ein verbindendes Ausdrucksrepertoire entstand. Die vier einzelnen Stücke erforderten mehrere Unterbrechungen, denn es wurden Kostüme gewechselt, die Beleuchtung anders eingerichtet und auf der Bühne wurden Wandlungen vorgenommen. Das Publikum im kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters schien wegen dieser Pausen überrascht, diese kleinen Unterbrechungen waren aber unvermeidlich.

Die erste Choreografie „From the Lighthouse“ von Lester René Gonzales Álvarez wird im Programmheft als eine Arbeit über Angst angekündigt. In der ca. 20 Minuten dauernden Uraufführung, die mit interessanten Momenten sehenswerte Bilder zeigte, schien allerdings die Angst nur eine geringe Rolle zu spielen. Die Kostüme erinnerten an einen Hauch von Gothik; wäre da vielleicht noch etwas schwarzer Lippenstift gewesen. Der angekündigte Ausdruck versteckte sich hinter einer konzeptuellen, erdrückenden Ästhetik. Die eigens für diese Arbeit komponierte Musik von Johann Pätzold eröffnete mehr Möglichkeit um das Wesen der Angst sichtbar zu machen.

Dann fragte Antoine Jully durch die Tänzer Eleonora Fabrizi und Timothée Cuny in einer Begegnung zwischen Mann und Frau „Is this it?“ Leere Bühne und ein einsamer Stuhl. In einer kryptisch verschlüsselten Bildsprache stellen sich beide verschiedenen Situationen die einen intellektuellen Anstoss zum Zusammenwirken von Mann und Frau geben. Die Musik, und das ist ein bemerkenswertes Highlight, kommt von Asaf Avidan. Der israelische Musiker, Autodidakt, verfügt über eine Stimme die direkt ins Herz seiner Hörer geht. Obwohl man sich gewünscht hätte, er würde live dabei sein, muss ich doch gestehen, dass durch den eingespielten Ton die Einsamkeit um die beiden Figuren auf der Bühne noch eindringlicher wirkte.

„Tensile Involvement“ ist eine Arbeit von Alwin Nikolais, einem amerikanischen Choreografen, aus dem Jahre 1953. Dies kleine Zwischenspiel von nur wenigen Minuten war der erfrischende Gegenpol zu dem ansonsten ehr düsteren, nachdenklich stimmenden Abend. Farbenfroh und voller Überraschungen konnte man hier einen Eindruck davon bekommen was in den 50ern als digitale Zukunft verstanden wurde. Wer den Film Logans Run kennt wird sich erinnert fühlen an eine Vision der Zukunft in der hirnlose Geschöpfe in einer aufgesetzten Fröhlichkeit unbeschwert und zu allem ‚Ja‘ sagend durchs Leben gehen. Heute, 64 Jahre später, sehen wir in der luftig leichten Arbeit von Nikolais wie treffend und vorausschauend er doch war.

Der Abend schloss mit „Harmonic Language“, eine weitere Uraufführung von Antoine Jully, nach der Musik von Béla Bartók, Streichquartett Nr. 4. In dieser Arbeit beschäftigte sich Jully mit der Beziehung zwischen Musik und Tanz. Die Tänzer sind in uniformen weißen Overalls gekleidet, um eine Tanzsprache zu erfinden mit der Jully „die Musik so genau wie möglich mit dem Körper einfangen möchte“.


Abgesehen von den kleinen Zwischenspiel des Totalen Theaters Alwin Nikolais‘ war es ein recht dunkler und intellektuell geprägter Abend. Die Körpersprache wurde in ein ehr enges Korsett tänzerischer Freiheit gedrängt. Das kann man sicher als eine stilistische Herausforderung betrachten, machte es aber für viele Zuschauer zu einem schon fast überstrapazierten par force Ritt. Dies war nicht der Abend an dem man zurückgelehnt schöne Ästhetik vorgeführt bekam. Vielmehr war es fordernd und forschend, und böse Zungen würden sogar sagen, man habe sich mit diesem Anspruch etwas verhoben. Während die Oldenburger Fangemeinde sich jedoch zu einem frenetischen Applaus hochschaukelte verstummte der Beifall beim anderen Teil des Publikums in fragend zu Boden gerichteten Gesichtern.

Mittwoch, 1. November 2017

Nahe Zukunft durch Tanz gesehen

(Bremen) Die Fans der Tanzsparte kamen am Freitag voll auf ihre Kosten. „Black Rainbow“ die neue Choreografie von Samir Akika und Unusual Symptoms sprengte mit aller verfügbaren Power den Raum des Kleinen Hauses am Bremer Theater. Was als Tanz um die Zukunft beschrieben wird ist aus der unmittelbaren Gegenwart geboren, und häufig eine fantastische, überzeichnete Erzählung und Allegorie der Realität.

Der Hauschoreograf des Bremer Theaters hat nicht nur einen sehr ausgeprägt eigenen Stil mit dem er sich schon einen Namen gemacht hat, er scheint sich auch von Premiere zu Premiere neu zu erfinden. In dieser ehr düsteren Zukunftsvision wird das Publikum mit einem digitalisiertem Abbild als Bühnenbild konfrontiert. Ungefähr ein Dutzend semipermeable Spiegel, übermannsgroß, werden von einem Klon anmutenden Wesen über die Tanzfläche geschoben. Der Raum ist schwarz, zwei Stränge aus Neonleuchten verlaufen unter der Decke schräg über das Bild in die hintere Unendlichkeit. Rauch pufft und hustet aus verschiedenen Ecken und Löchern über vereinzelt stehende Scheinwerfer. Das Licht, das die Dunkelheit mit einer Art Schwarz oder Nachtblau zu erhellen versucht, verbindet sowohl die Bühne mit der Tribüne und schafft eine distanzierte Intimität. Da sitzt jemand vor aufgetürmten Bildschirmen die mit primitiven Motiven simple Darstellungen zeigen (Video von Julia Müller). Am Rand die bekannten Musiker von vorherigen Produktionen: jayrope, Simon Carmatta und Stefan Kirchhoff. 

Musik ist eine Komponente, der Tanz eine andere, das Licht, die Bühnenteile (Spiegel, Türen etc.), der Rauch, die Monitore sind weitere; und alle wirken zusammen so dass etwas ganz neues eigenes entsteht. Samir Akika erzählt nicht gradlinig in kausaler Abfolge, sondern parallel und gleichzeitig. Etwas, das in der Musik als Symphonie beschrieben wird, ist hier das Zusammenspiel von allen Komponenten. Wäre der Begriff des Gesamtkunstwerkes nicht schon so abgegriffen, hier könnte man ihn wieder auf gediegene Weise anwenden. Die gut 70 minütige Vorstellung baut sich auf und lässt einem nicht mehr los. Man wird hineingezogen, und wer nicht gezogen wird, der wehrt sich mit aller Kraft seines logischen Verstandes dagegen. Aber wer sich auf die Reise in die Zukunft begibt, der wird in verschiedene Situationen versetzt: Da ist die Poesie, da ist der durchgekeimte Faschismus, da ist die Faszination des Wunders, da ist Liebe, da ist Gemeinschaft… Und erst wenn der Schlussstein in diesem Puzzle eingefügt wird, wird man sich seiner primitiven Herkunft bewusst.  

Es ist eine großartige Ensemblearbeit bestehend aus den sechs Tänzer/in Ying Yun Chen, Christian Drewicke, Gabrio Gabrielli, Jordan Gigout, Pilgyun Jeong und Antonio Stella. Man kann hier nur aus ganzem Herzen ein großes demütiges Bravo aussprechen. Demut? Ja, denn hier werden ohne Anklage die unterdrückten Gefühle gezeigt die wir alle jetzt mit uns herum schleppen - vielleicht sogar bis in alle Ewigkeit?! Als ein Beispiel von vielen sei hier nur der Moment angeführt als einer seinen Haarschopf immer und immer und immer wieder auf den Boden peitscht. Als wolle er es einfach nicht verstehen können, den Wahnsinn in der Welt (oder was auch immer). Doch es wird nicht mit dem Finger auf einen Schuldigen gezeigt, sondern es wird der Mut aufgebracht, Gefühle zu zeigen die viele Menschen teilen, so eindrücklich, dass es auch der wieder spürt der es bis zur Unkenntlichkeit in sich begraben hatte. So geht es um Beklemmung, Wahnsinn, Verlangen, Stauen, Erlösung, Hoffnung, Verzweiflung, Begehren, Fremdbestimmt sein, Kampf um was auch immer u.v.m. Dieser Abend spricht die Menschen im Herzen an, in der Seele ihres Seins. Habe ich, der Kritiker, vielleicht nicht verstanden worum es hier ging? Sei es drum, allein um den Moment des Erlebens zu spüren, dass ich, der Zuschauer, verstanden wurde kritiklos, simple und unreglementiert, das war es wert!

Mein Tipp: unbedingt hingehen und sich auf ein extraordinäres Erlebnis vorbereiten. Weitere Termine sind am 09.11.17,  22.11.17 und am 17.01.18 jeweils um 20:00. Es empfiehlt sich rechtzeitig Karten zu reservieren.  Karten reservieren hier!!!

Dienstag, 24. Oktober 2017

Märchenhafte Wunderwelten

(Oldenburg) Im Theater Wrede+ wird zur Zeit vom ko.produkt das Disneydrama „Träume werden Wirklichkeit“ von Christian Lollike gespielt. Bis zum 09.Dez. 2017 gibt es noch sechs weitere Vorstellungen.

Die Welt mit der man Disney verbindet ist zuckersüss, bunt, aalglatt und die Probleme spielen sich höchstens auf Level 2 der nach oben offen Richterskala ab. Die Kanten sind weich gerundet und die Realität ist so hart wie eine Vernel gespülte Wolke. Was so etwas übertrieben klingt korrespondiert allerdings erschreckend gut mit der Welt in der wir heute Leben. Warum sonst kommt aus der Filmschmiede Disney´s ein Megabomben explodierender Thriller nach dem anderen, oder ein abstrus überzogener Abenteuer Fünfteiler mit z.B. karibischem Flair nach dem anderen in die Kinos. Vielleicht weil wir, die normalen Menschen, so sehr im Wohlfühlkoma leben, dass nur noch die weichgespülten Exzesse uns einen Hauch von Lebendigkeit vermitteln. A + B die beiden reflektierenden Wesen aus Lollikes Disneydrama scheinen eine Ahnung von ihrer Belanglosigkeit dem Leben gegenüber zu haben. Jedenfalls erträumen sie ihr eigenes Drama des Lebens, mit echten Abenteuern und richtige Sehnsucht. Durch Kindheit zu einem Abguss von Märchenhelden geformt sind sie bereit sich ihr eigens Märchen zu erschaffen und ihre Alltagswelt einmal gehörig auf den Kopf zu stellen.

Die Bühne ist riesig und bietet viel Platz für Imagination. In der Mitte eine Leinwand für ein Schattenspiel vor orangener Abendsonne. Davor sechs bonbonfarbene Kissen die sowohl Wolken, Schnee, Möbel werden können und mit denen A + B ständig das Bild neu entwerfen. Temporeich geht es durch Ideenwelten, Entwürfe für ein besseres Leben und kritischen Spitzfindigkeiten. Man fühlt sich hier und da in seiner Denkweise ertappt und wird von der engagierten Spielfreude aufgefordert auch einmal Werte dieser Gesellschaft zu hinterfragen. Ein netter Spass für alle, auch wenn sie nicht viel mit der Welt des Walt Disney gemein haben.


Weitere Vorstellungen: 10., 11., 24., 25 November und 08. + 09. Dez. 2017 im Theater Wrede+, Klävemannstr. 16, 26122 Oldenburg Tel 0441-957 2022

Sonntag, 8. Oktober 2017

Premiere Curioso: „Venedig im Schnee“

(Darmstadt) Das Theater Curioso präsentiert am 27.Okt. 2017 um 20:00 im Theater Moller Haus, Sandstr. 10 in Darmstadt die satirische Komödie von Gilles Dyrek „Venedig im Schnee“. Weitere Vorstellungen sind am 28.10., 02.11., 03.11. und 24.11. auch jeweils um 20:00. 
Handlung: Patricia und Christophe sind bei dessen früherem Studienfreund Jean-Luc und seiner Verlobten Nathalie zum Abendessen eingeladen. Doch was harmlos beginnt, endet furios. Denn während das Gastgeberpärchen um die Wette turtelt, können die Gäste ihre Beziehungskrise nur mühsam überspielen. Patricias Schweigsamkeit erklären sich die Gastgeber damit, dass sie Ausländerin ist. Ein Missverständnis, das diese dankbar aufgreift und voll diebischer Freude ein Feuer schürt, das nicht nur Christophe in den Wahnsinn treibt, sondern auch die heile Welt der Gastgeber zum Einstürzen bringt.

Weitere Infos unter: www.theater-curioso.de
Kartenreservierungen: 06151 - 26540 oder www.theatermollerhaus.de

Samstag, 7. Oktober 2017

„Lebenswerke“ in der Wallerie

(Bremen) Die Galerie im Walle Center zeigt ab dem 12.10. - 18.11.2017 Bilder der beiden Künstlerin Roswitha Clages und dem Künstler Hermann Zeidler. Die Ausstellungseröffnung findet am Do. von 10:00 bis 21:00 statt.

Lebenswerke – ist eine ungewöhnliche Nachlassausstellung eines zu Lebzeiten getrennten Paares, welches nun nach dem Tod, über die Kunst erneut vereint sind.
Hermann Zeidler, Bremer bildender Künstler studierte in Hamburg und war in den 80er Jahren in der Hansestadt eine bekannte Größe. Er hinterließ zahlreiche Werke im öffentlichen Raum. Er war besonders in seinen Portraitarbeiten. Das wohl bekannteste Werk dieser Ausdrucksform Zeidlers ist das Portrait von Wilhelm Kaisen, das heute in der Wilhelm Kaisen Stiftung zu betrachten ist. Zeidler verstarb im Dezember 2009.
Im Jahre 2016 verstarb Roswitha Clages. Clages, die Exfrau von Hermann Zeidler, nahm nach der Trennung ihren Geburtsnamen wieder an. Während der Ehejahre war es, der ebenfalls studierten Künstlerin, durch ihren Mann untersagt zu malen. Ab Ende der 80er Jahre, nach der Trennung, widmete sie sich vollends der Kunst und diese wurde zu ihrem Lebensinhalt. Auch sie erlangte öffentliche Aufmerksamkeit.
Die Ausstellung zeigt einen Querschnitt aus dem Nachlass dieser beiden Künstler. In vielen Werken wird dadurch erstmalig auch ihre künstlerische Nähe zueinander deutlich. Roswitha Clages war Ende der 50er Jahre auch Schülerin Zeidlers.

Die Ausstellung zeigt über 120 Werke in Öl, Ölpastell, Aquarell, Acryl und Skizzen in verschiedenen Formaten.

Montag, 2. Oktober 2017

Wolken sind ziehender Ärger

(Hannover) Ein Gastspiel des Klecks-Theaters Hannover erwartet sie im Theater an der Glocksee an diesem Wochenende dem 07.Okt. 2017 um 20:00 mit „Wolken sind ziehender Ärger“ von Ad de Bont.
Ein Mann, Gerrit Neuhaus, und eine Frau, Helga Lauenstein, befinden sich in scheinbar klaren Verhältnissen: Er zunächst ohne eigene Meinung, sie kämpft gegen Chaos, Unwissenheit und Sittenverfall. Das Wer-ist-was-Spiel über Beziehungen, Macht und Abhängigkeiten bewegt sich zwischen Absurdität und Tragik, Witz und Wahnsinn. Ein abrupter Rollentausch wirft Fragen auf: Wer hat hier recht? Wer hat sogar mehr recht? Hat hier niemand recht?
Ad de Bonts Stück ist ein absurder Theaterabend über Machtkämpfe und die Definition der eigenen Wahrheit - ein Spiel mit der Liebe und mit der Wut, ein amüsantes und fortwährendes Ringen um die Lufthoheit über die jeweilige Situation. Mit dem wechselnden Dominanzstreben der jeweiligen Figur wird eines deutlich – es gibt keine absoluten Wahrheiten.
Wer der Bestimmer ist, bestimmt auch, wer recht haben darf.
Die als Klassenzimmerstück entwickelte mobile Inszenierung, Regie Laetitia Mazzotti, des Klecks-Theaters kommt nun als einmaliges Gastspiel - diesmal auch für Erwachsene - ans THEATER an der GLOCKSEE.
Karten zu 14 € / 10 € erm. gibt es unter Tel.: 0511 - 161 3936

Dienstag, 8. August 2017

Grenzen sprengende Inszenierung an der Glocksee

© by Jonas Wömpner
(Hannover) Am vergangenem Samstag hatte das Ensemble am Theater an der Glocksee Premiere mit der Uraufführung des Stücks „Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“ Das Theater war schon am Vortag bis auf den letzten Platz ausverkauft, und das Publikum wurde mit einer starken Inszenierung über Ausgrenzung und Schutz der Identität überrascht. Das engagierte Ensemble hatte sich diesem nur schwer zugänglichem Thema intensiv genähert, das Publikum schon im Probenprozess mit eingebunden und so ein beeindruckendes Bild entworfen. Der lang anhaltende Schlussapplaus zeigte wie dieses theatrale Wagnis aufging. 

Die Parolen der Identitären sind so unfassbar dumm, widersprüchlich, inhuman und aus einer infantilen Angst geboren, die nicht einmal im Entferntesten Kultur und Zivilisation entsprechen. Vielleicht ist diese Reaktion aus der Unfähigkeit oder Verantwortungslosigkeit geboren, mit denen die führenden Politiker Europas, oder sogar weltweit, ihren Wählern begegnen, mit der sie um jeden Preis alle auch noch so abstrusen Forderungen der Wirtschaft Raum geben und gnadenlos durch setzen. Man beachte nur dass die derzeit diskutierten internationalen Handelsabkommen, wie z.B. Ceta und TTIP, die Rechtsstaaten ad absurdum führen. Wenn die Wählerschaft mit nur marginalen Informationen gefüttert wird ohne dass diese sich ein begründetes Urteil bilden kann, sollte es doch niemanden wundern, wenn sich ein Gefühl der Ohnmacht und Unverstandenheit ausbreitet; der Nährboden für krudes Gedankengut wie es dann z.B. durch protektionistischen Gruppierungen wie die Identitären, Pegida oder der AfD gespiegelt wird. Menschen die nur innerhalb ihres eigenen Tellerrands ihren geistigen Blick schweifen lassen, werden kaum in der Lage sein verwertbare Schlüsse auf das politische Gefüge des eigenen Landes, und schon gar nicht Europas, zu ziehen. Dieses inzestuöse Gedankengut, in dem sich durch einzelne Parolen viele Menschen die sich zurückgelassen fühlen wiederfinden, bietet nur wenig Angriffsfläche und wuchert in seiner glitschigen Erscheinungsform im diffusen Meinungssumpf auf der Ebene von Tratsch und Klatsch - jedoch nicht auf der Ebene einer erwachsenen politischen Auseinandersetzung und Lösungsfindung der realen Probleme unserer Zeit. 

Man kann unumwunden und voller Respekt den Hut ziehen wie das Ensemble vom Theater an der Glocksee den Mut aufbrachte so ein Thema zu bearbeiten. Denn im Theater, in der Dramaturgie, braucht es einen Schurken (oder Protagonisten) der sich im Laufe des Stücks wandelt. Doch hier ist der Protagonist einfach nicht zu greifen. Es gibt kein klares Bild, vielleicht mehr ein System, oder ein inneres unreflektiertes Gefühl, eine auf schlecht informierter Basis gebildete Meinung, eben etwas Diffuses. Oder wie sonst sollte man ein Gedankengut bewerten dass einen sogenannten „großen Austausch“ befürchtet. Das ist mindestens so aus der Luft gegriffen wie seiner Zeit die Angsttreiberei vor den Juden. Ebenso wie die Reaktion Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer zu versenken damit die Flüchtlinge ertrinken mögen um das Problem so zu lösen. Mit dieser Theaterproduktion gelangt das Ensemble an der Glocksee an die Grenzen der Kommunikationsform des Theaters selbst. In der Vergangenheit konnte man große politische Bewegungen an einzelnen Personen darstellen, wenn man z.B. an Schillers Wallenstein oder Büchners Danton denkt. Doch dieses Thema begründet nicht auf einen Schuldigen/Schurken/Leidenden, Das Thema ist mehr eine notwenige Bewusstwerdung, einer ernsthafteren Beschäftigung mit den Strömungen unserer Zeit. Vielleicht ist sogar der Gang zur Wahlurne erst möglich, wenn man ein intensives Studium der Verhältnisse absolvierte, um nicht als mündiger Demokrat und Wähler ein Spielball von geschickten Werbestrategien zu werden. 

© by Jonas Wömpner
Um dieses Myzel gesellschaftlicher Meinungsbildung zu greifen hat die Regisseurin Milena Fischer aus drei Ressourcen eine Beschreibung geflochten die sich wie ein komplexer Gedanke über den gesamten Abend spannt. Die Geschichte die durch den Abend führt ist „Der Bau“, eine unvollendete Erzählung von Franz Kafka. Diese Fabel um einen Dachs in seinem Bau, verbindet sie dann mit Aussagen aus David Finchers Film „Fight Club“ in der die empfundene Ohnmacht durch extreme Reaktionen, wie eben Faustkämpfe, kompensiert wird. Die dritte Zutat in diesem Cocktail sind Zitate aus den aufkeimenden rechten Bewegungen wie z.B. den Identitären. Ein Gefühl von Heimat wird gezeigt, seine berechtigte Verbundenheit damit und auch die manipulative Nutzung des Heimatgefühls. Fischer legt hier eine Arbeit vor die über mehrere Jahre intensiver Recherche entstanden ist, und man spürt das Herzblut mit dem das Stück geschrieben wurde. Während der Probenwochen gab es drei Treffen im Theater, in der das Ensemble eine wechselnde Gruppe besonders interessierter Theatergänger einlud um sie im Entstehungsprozess einzubinden und zur mitwirkenden Kritik ermunterte. So entstand auf vielen Ebenen eine künstlerische Arbeit die auf ähnlichen Wegen geformt wurde wie das Thema sich selbst zeigt, systemisch und gemeinschaftlich/gesellschaftlich.

Der Schritt von der komplexen Idee in die praktische Handlung des Theaters wurde hier mit einem treffenden Bild vollzogen (Bühne von Britta Bremer). Der Theaterboden war mit Rindenmulch abgedeckt, so entstand sofort der Eindruck, man befände sich im Wald. Die diffuse Beleuchtung, die Anordnung der Tribünen, die karge, urbane Gestaltung des Raums selbst weisen auf das Innere eines unterirdischen Baus. Wie ein vielschichtiger lebendiger Organismus erzählt dann der Dachs, gespielt von Yves Dudziak, Lena Kußmann und Jonas Vietzke, als choreografierte, dynamische Einheit von seinem Bau. Man wird in einer Mischung aus Spannung, eruptiven Wechseln, und stillen, einkehrenden Momenten in das Geschehen hineingezogen. Die Grenze zwischen Zuschauer und Bühnengeschehen wird dünn, löst sich zuweilen auf, und man kann nicht länger als Betrachter nur da sitzen, man ist involviert. Diesen schmalen Pfad, zwischen professioneller Darstellung eines theatralen Moments und der konkreten Einbindung der Zuschauer, wanderten die drei Akteure mit sicheren Schritten. Eine gelungene Einladung die eigene Distanziertheit abzulegen um Teil eines größeren Ganzen zu werden. Und das ist auch die Empfehlung die hier ausgesprochen werden darf: Verpassen sie nicht die Begegnung mit diesem Stück und der daraus sicher folgenden Diskussion über die Verantwortung die jeder von uns trägt.


„Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“. Kostüme Hanna Peter, Choreografie Henrik Kaalund. 
Siehe auch: Fight Club Dachs
Weitere Vorstellungen:  09., 11., 12., 16., 18.,19., 23., 26. August und 06., 09., 20., 22., 23. und 27. September 2017 Beginn jeweils 20:00 
Kartenreservierungen zu 14,00€ und 10,00€ unter Tel.: 0511 - 161 3936 oder über: www.theater-an-der-glocksee.de

Freitag, 4. August 2017

Premiere an der Glocksee

© Jonas Vietzke
(Hannover) Morgen am Samstag den 05. Aug. 2017 um 20:00 ist die Premiere von „Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“ im Theater an der Glocksee in Hannover. Es gibt noch einige Karten, eine Reservierung empfiehlt sich dennoch.

In den vergangenen Wochen habe ich hier schon zwei Mal von den Proben des neuen Stücks berichtet. Am Mittwoch zur ersten Hauptprobe waren die V.I.P.‘s noch einmal eingeladen um den Blick hinter die Kulissen zu wagen. Ein dachsartiges Wesen spricht über seinen Bau unter der Erde sein Zuhause, sein Stück Heimat. Doch dann wird der Friede unter der Erde gestört - von einem Fremden unbekannten Wesen, einem Feind wohlmöglich?

Nach dem Stück von Franz Kafka „Der Bau“ und weiteren umfangreichen Recherchen entstand dieses Stück in der Regie von Milena Fischer mit dem Glocksee-Ensemble. Es darf ein energetischer Theaterabend erwartet werden der sich den Absurditäten der aktuellen Strömungen von Protektionismus und Verschwörungstheorien entgegen stellt.


Siehe auch die Artikel: Einführung und Probenbesuch
Kartenreservierung: www.theater-an-der-glocksee.de

Montag, 31. Juli 2017

Gegenstandsfreie geometrische Abstraktionen

(Otterndorf) Seit dem 16. July wird im Museum gegenstandsfreier Kunst John Nixon ausgestellt. Die Ausstellung kann noch bis zum 01. Oktober 2017 in der Zeit von Di. bis Fr. 10:00-13:00 und 15:00-18:00, sowie Sa., So. + Feiertags von 15:00-18:00 besucht werden
Seit den frühen 1970er Jahren untersucht John Nixon die Prinzipien von minimalistischer und geometrischer Abstraktion. Seine persönliche Palette von Primär- und Sekundärfarben, die Auswahl konventioneller und weniger konventioneller Materialien und eine starke Beziehung zu dem ihm umgebenden Raum sind der Schlüssel zu Nixons eigener Kunstform, die ihren Ursprung im frühen 20. Jahrhundert findet. Nixons künstlerische Motivation speiste sich anfangs aus der Minimal Art der späten sechziger Jahre, der Konzeptkunst und der Arte Povera; später und bis heute verarbeitet er Einflüsse des frühen russischen Konstruktivismus, des Futurismus und des Fauvismus – Bewegungen, die ihre Herausforderung darin suchten, die Funktion und den Zweck von Kunst neu zu definieren.
Die Ausstellung bietet einen Querschnitt verschiedener Aspekte aktueller Arbeiten des Künstlers: Collagen, Zeichnungen, Radierungen, Fotografien und Videos. Jede dieser Disziplin unterliegt eigenen Gesetzen, bietet so individuelle Möglichkeiten und zeigt Nixons Werk aus unterschiedlichen Perspektiven. Dem Betrachter wird so ein umfassender Blick hinter John Nixons noch nicht abgeschlossenem Projekt der Beschäftigung mit der Abstraktion ermöglicht.
John Nixon wurde 1949 in Sydney, Australien geboren. Er studierte von 1969 bis 1970 an der National Gallery of Victoria School of Art. Nixon stellt seine Werke seit den frühen siebziger Jahren weltweit aus. Viele davon befinden sich in Sammlungen wie der Daimler Kunstsammlung in Stuttgart oder in der Stiftung für konkrete Kunst in Reutlingen.

Freitag, 28. Juli 2017

Tags, Graffitis, Adbuster und vieles mehr

© by Kunsthalle Wilhelmshaven
(Wilhelmshaven) Farben- und Ideenvielfalt ist das erste was einem in den Sinn kommt, wenn man die Arbeiten der Ausstellung ungeniert/engagiert in der Kunsthalle Wilhelmshaven sieht. Gezeigt wird bis zum 24. Sept. 2017 die sogenannte Street Art. Beteiligt sind 16 Künstler und Künstlergruppen aus verschiedenen Teilen der Welt. Man findet bekannte Urgesteine sowie jüngere Akteure, es gibt die studierten Künstler mit unterschiedlichen Abschlüssen und Autodidakten, es gibt die real anwesenden Künstler und es gibt Anonyme. Was sie vereint ist eine subkulturelle Aktivität, in der sie sich engagiert und kritisch auf künstlerischem Wege mit den Themen ihrer Zeit und Umgebung beschäftigen. Eine Kunst die jenseits vom etablierten Kunstmarkt zu finden ist, ihm aber nichts an Wert und Talent nachsteht.

Eine Woche vor Ausstellungsbeginn reisten die Künstler an und bearbeiteten die Räume der Kunsthalle. Die Wände - ja die gesamte Architektur der Kunsthalle - bietet sich dafür sehr gut an. Im Kernpunkt der Halle steht eine Sichtbeton Stele die drei Ebenen miteinander verbindet. Die Wände sind meist aus Ziegelsteinen und bieten somit die Bedingungen als wäre es ein öffentlicher Platz. Nur dieser Raum ist eben überdacht und nicht dem Wetter ausgesetzt. Lediglich zwei Arbeiten sind aus Berlin herangeschafft worden. Alle anderen Werke sind in der Kunsthalle original entstanden. Zum größten Teil sind diese Arbeiten auch nicht abzunehmen. Nach der Ausstellung werden sie entfernt oder Übermalt. Diese Vergänglichkeit hat Matthieu Martin sich gewählt um damit eine Dokumentation zu schaffen. Er hat die Graffitis fotografiert die von Hauseigentümern mit einer grauen Farbe übermalt wurden. Es ist ein Statement um zu zeigen, die Kunst ist da auch wenn sie nicht zu sehen ist. Als hätte sich der Versuch die Botschaft ausradieren zu wollen ins Gegenteil verkehrt. Dies ist einer der bemerkenswerten Züge der Street Art - Eigentumsanspruch. Die Vergänglichkeit durch Witterung oder Beschädigung oder Entfernung/Übermalung ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeiten. Die Künstler untereinander haben ihre Codes und Regeln wie und wann sie Arbeiten befreundeter Künstler übermalen. Der Erhalt der Arbeiten ist nicht das Ziel. Vielmehr ist es die kreative Äußerung die durch kein Gesetzt oder Staatsgewalt verhindert werden kann. So findet man den Schriftzug 1UP überall an Stellen die kaum zu erreichen, oder strikt verboten sind. IUP bedeutet One united Power. Man kann nicht genau sagen wie viele Sprayer ihn ausführen (es mögen mehrere Dutzend sein), denn sie sind anonym. Bei ihren Aktionen, die U-Bahn-surfen mit einschließen, machen sie manchmal kleine Filme die auch in Wilhelmshaven zu sehen sind.

Aber nicht alles wird im verbotenem Umfeld ausgeführt, oder wird zumindest doch geduldet. Da sind z.B. die kleine Figuren von Joy. Sie sind wie kleine Installationen im öffentlichem Raum zu finden und sollen einen Moment der Freude in die Herzen der Entdecker zaubern. Oder da sind Marx und Engels die überlebensgroß von einem Berliner Denkmal in Pappmache abgenommen wurden. Oder das Haus aus Pappe, mit dem das Problem der Gentrifizierung in einem Berliner Stadtteil nachgestellt wird. Detailgetreu ist da ein Mehrfamilienhaus aus Kartons aufgebaut in denen die verschiedenen Massnahmen und Schritte dargestellt werden wie ein Stadtteil sein Gesicht verliert. Politische Aussage ist oft ein zentraler Punkt in den Street Art Werken.

© by Kunsthalle Wilhelmshaven
Die Kuratorin Caro Eickhoff hat hier eine Auswahl getroffen die viele Facetten der Street Art spiegeln. Eickhoff ist selbständig tätig und veranstaltet Führungen durch Berlin um den Gästen die Kunstwerke zu zeigen die die Stadt zu bieten hat. Sie ist auch am 3. Aug. um 19:00 bei der Küstendebatte anwesend wenn Yety, Skore79 und weitere Gäste in der Kunsthalle die Frage erörtern: Ist Street Art politisch? Eine weitere Veranstaltung ist z.B. die „Secret Signs Tours“ durch Wilhelmshaven am 17. Aug. ebenfalls um 19:00 die von Skore79 geleitet wird. Wilhelmshaven zeigt in diesem Sommer noch mehr Street Art. Am 05. und 06. Aug. findet zum siebten Mal das Int. Street Art Festival statt bei dem Straßenmaler aus aller Welt in der Innenstadt zu Gast sein werden. Im Küstenmuseum findet ab 25. Aug. die Ausstellung mit dem Titel: Von der Subkultur zum Kunstobjekt - Eine Street Art-Fotodokumentation von Uwe Wohlmacher statt. Dort sind großformatige Fotografien aus einem Jahrzehnt des Journalisten zu sehen, die er in Berlin und Wilhelmshaven geschossen hat. 


Weitere Informationen zu den vielen Veranstaltungen rund um Street Art in diesem Sommer in Wilhelmshaven unter: Kunsthalle Wilhelmshaven

Mittwoch, 26. Juli 2017

In direkter Nachbarschaft mit Wölfen

In den eisigen Gegenden Kanadas und den Rocky Mountains fühlt sich Gurdrun Pflüger, die ehemalige Langlaufsportlerin, zu Hause. Dort lebt sie bei den Wölfen, die sie beschützt und beobachtet. In vielen kleinen Erzählungen berichtet sie über Erlebnisse mit Wölfen und Bären, so wie über Menschen wie Farmern, Jägern und Biologen. Die einen beobachten was die anderen gerne erschießen. Wie ein roter Faden zieht sich die eine elementare Frage durchs Buch: Müssen die Menschen die Natur unterwerfen, sie beherrschen und kontrollieren, oder können sie in Harmonie mit ihr leben?

Durch Pflügers authentische Berichte, die mit viel Hintergrundwissen über Wölfe, Land- und Forstwirtschaft, aber auch über Leistungssport, gespickt sind, bekommt man einen einfühlsamen und fachlich versierten Einblick in die Realität der Wildnis. Ein entscheidender Punkt in Bezug, mit Tieren vor denen sich der Mensch fürchtet, ist ein aufgeklärtes Verständnis für diese Tiere, deren Verhalten und Lebensräume. Angst ist doch eine irrationale  Reaktion auf eine Gefahr, die man nicht in der Lage ist einzuschätzen. Und so wie Bildung der Weg in die Zivilisation ist, so ist das Wissen über Wölfe der Schlüssel zur Koexistenz. Dieses Wissen und die geschilderten Begegnungen, die Gudrun Pflüger schildert, ebnen den Weg für ein harmonisches Miteinander.

Besonders interessant sind die kurzen Kapitel mit der Überschrift „Wolfsspirit“. Hier formuliert Gudrun Pflüger ihre Erlebnisse in einer philosophischen Form, die anregende Gedanken zum eigenen Verhältnis mit Natur und den darin lauernden Gefahren und Nutzen hervorhebt. Aber auch Ratschläge, Werte und eine reflektierte Sicht auf unser überbordendes Sicherheitsbedürfnis kommen zur Sprache. Sie schafft mit diesem Buch eine Verbindung zu der uns allen umgebenden Natur.

Gudrun Pflüger - Wolfspirit Meine Geschichte von Wölfen und Wundern
Patmos Verlag 2013,  ISBN 978-3-8436-0141-2, Hardcover mit Schutzumschlag, 244 Seiten

Freitag, 21. Juli 2017

Zweites Treffen der V.I.P. an der Glocksee

(Hannover) Probenbesuch am Theater an der Glocksee in Hannover. Es liegt die olfaktorische Signatur von Wald in der Luft. Der Ort der Handlung. Der Geruch wird von den Anwesenden sehr unterschiedlich wahrgenommen, doch scheinen alle Assoziationen mit Dachs, Wald und Natur zu korrespondieren. Gekommen sind die „very interesed persons“ vom ersten Treffen, der Einführung in das Stück, und weitere Interessierte. Das kleine Café ist schon dicht gedrängt, da auch der Raum vom Ensemble genutzt wird. Da steht ein Wagen mit Werkzeug und Material, Textblätter liegen herum, Notizen, Requisiten… Die Stimmung der theoretischen Einführung vom 09. July mit Kuchen und Getränken ist einer kreativ betriebsamen Atmosphäre gewichen. Ein Hauch von Lampenfieber liegt in der Luft. Zu sehen gibt es diesmal einen ca. einstündigen Ausschnitt aus der neue Produktion von „Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“.
Es ist ein mutiger Schritt den Probenprozess in dieser Weise für das Publikum zu öffnen. Denn das Stück ist noch in der Entwicklung und die Thematik um Ausgrenzung und Identität ist ein Pulverfass. Schauspieler und Regisseurin ringen noch mit vielen Entscheidungen die zu einem harmonischen, dynamischen und spannenden Abend mit anspruchsvoller ‚Unterhaltung‘ führen werden. Ein mutiger Schritt auch deshalb, weil es eine heikle Gradwanderung ist zwischen nicht zu viel verraten und dennoch schon viel zeigen um die V.I.P. Teilnehmer der Probe auch aktiv in eine Gestaltung mit einzubeziehen. Und das ist hier kein plattes Lippenbekenntnis, sondern eine kritische und fordernde Gesprächsrunde die im Anschluss an der Bühnenprobe geführt wurde. Dabei erzählten Teilnehmer, es sind ca. 20 an diesem Tag, ihre Eindrücke darüber was und wie sie was wahrgenommen haben. Dieses Feedback gibt dem Ensemble wichtige Infos darüber wie sie die Inszenierung weiterhin ausgestalten. Ein Funke wachsender Neugierde springt über. Es wird für die V.I.P. Teilnehmer am 02.08. noch ein weiteren Probenbesuch geben, wenn das Stück schon viel weiter entwickelt ist.

Es sind noch drei Wochen bis zur Premiere. Zu diesem Zeitpunkt ist der Probenprozess naturgemäß fragil. Das Ensemble hat schon so einiges gefunden, will noch viel mehr, sie sind umgeben von Unsicherheiten, und beginnen nun das Tableau von möglichen Bildern, Aussagen, Textstellen, Beleuchtung, Ton- und Bildeinspielungen, Bühnenaufbau, Requisiten, eben das ganze drumherum in eine endgültige Form zu bringen. Schon jetzt ist zu erkennen, dass hier ein besonderes thematisches Feld künstlerisch beackert wird, das sich der öffentlichen Diskussion bisher nur schwer erschließt. Um so mehr darf man gespannt sein wenn sich am 05. Aug. um 20:00 der Vorhang zur Premiere hebt.

Mittwoch, 19. Juli 2017

Terror to go

(Oldenburg) Im Theater Wrede+ gibt es am 18.08.2017 um 19:30 die Premiere eines theatralen Audiowalk mit dem Titel Terror to go. In der Regie von Winfried Wrede und mit Texten von Karl-Heinz Stenz geht es in längeren Fußwegen auf eine Audiotour durch Oldenburg die etwa 90 Minuten dauert. Start- und Endpunkt sind dabei nicht identisch. 

Was ist Terror eigentlich? Eine reale Bedrohung oder bloße Statistik? Und hat der Terror uns schon in der Hand? Wenn wir große Veranstaltungen meiden oder im Zug skeptische Blicke auf andere Fahrgäste werfen. Jeder herrenlose Koffer eine potenzielle Gefahr, jedes fremd klingende Wort ein Verdachtsmoment. Gut, dass wir eh keine Zeit haben, der Angst nachzuhängen. Und trotzdem: das mulmige Gefühl bleibt. Was es bräuchte, ist ein Training. Eine Einführung in all die Dinge, die man wissen müsste, um dem Terror ein Schnippchen zu schlagen.
Das neugegründete “Institut für Zivile Wachsamkeit” macht’s möglich. In einer kompakten Schulung zeigt es den Terror-Interessierten, wie sie sich gegen potenzielle Attacken wappnen können. Auf der Agenda: manövrieren, observieren, Gefahrenquellen aufdecken. In einer geführten Audiotour geht es durch Oldenburg. Hier heißt es, wachsam sein. Die Mitmenschen einmal ganz genau beobachten. Was nach einem harmlosen Plausch aussieht, könnte schließlich auch die Vorbereitung eines Attentats sein. Die Kursleiterin und ein erfahrener Sicherheitsexperte schulen den Blick fürs Detail. Sie gehen den Strategien des Terrors auf den Grund und geben praktische Alltagstipps. Denn wer von uns weiß schon, welcher Platz in einem Café bei einem Anschlag der sicherste ist? Am Ende werden alle ein bisschen schlauer sein. Und ein Zertifikat gibt es natürlich auch.
Terror to go ist eine Performance über die subtile Angst vor dem Terror. Einem Phänomen, das uns allgegenwärtig erscheint, ein mächtiges Medienspektakel, dem wir uns nicht entziehen können. Das Stück führt seine Zuschauer auf den schmalen Pfad zwischen Wachsamkeit und Paranoia, zwischen begründeter Sorge und lähmender Angst. Es schafft Raum für Fragen nach Verantwortung und Handlungsoptionen. Und es lenkt den Blick auf die Wirkungsmechanismen des Terrors und der Medien, die ihn immer professioneller in Szene setzen.

Weitere Tremine im August: 26.08. um 17:00 und 31.08. um 19:30 Es wird gebeten ein Ausweis o.ä. Pfand für einen Kopfhörer und Player mitzubringen. Die Veranstaltung ist nicht barrierefrei. www.theaterwrede.de

Montag, 17. Juli 2017

Das Lachen der Täter

Bewusstwerdung über Verantwortlichkeit
großer zeitgenössischer Themen


Der österreichische Residenz Verlag gibt die Essayreihe „Unruhe bewahren“ in Kooperation mit der Akademie Graz heraus. Renommierte Autorinnen und Autoren beziehen Stellung zu wesentlichen Fragen unserer Zeit.

Was könnte dringender sein, in einem unverhohlen weltweitem terroristischem Klima als ein Psychogramm der Tötungslust. Über den ganzen Planeten verteilt versuchen immer mehr Gruppierungen und Staaten ihre Ziele durchzusetzen, in dem sie die Gegner schlicht umbringen. Falls man glaubt über die Nachrichten informiert zu sein, irrt man sich. Was sich zuträgt, ist mit einfachen Werten wie Gut und Böse, richtig oder falsch nicht mehr zu greifen.

Wer sind diese Menschen: Breivik, Kindersoldaten, Gangs in den Metropolen, Militärs, Attentäter? Theweleit legt ein Diskussionswerk vor. Hier stehen keine Antworten. Das Buch ist eingeteilt in Situationsumschreibungen, Erfahrungsberichten, Analysen und Theorien. Mit diesem Buch sollte man sich mit anderen zusammensetzen und versuchen eine sachliche Diskussion zu führen. Es geht darum eine Position zu finden die über ein Urteil hinausgeht.


Die Rechtsprechung, Strafverfolgung oder Überwachung ist keine Antwort auf die Bedrohungen unserer Zeit. Jeder einzelne ist aufgefordert sich ein erwachsenes Urteil zu bilden, das auf die zivilisierten Werte basiert. Sicherheit für Leib und Leben ist nicht länger alleinige Aufgabe der Regierung, es erfordert eine bewusste gemeinschaftliche Einstellung zu der Gesellschaft in der wir leben.

Klaus Theweleit - Das Lächeln der Täter: Breivik u.a.  Psychogramm der Tötungslust. Residenz Verlag, ISBN 978-3-7017-1637-1, Broschur 246 S.

Dienstag, 11. Juli 2017

V.I.P. s im Theater an der Glocksee

© by Jonas Vietzke
(Hannover) Am vergangenen Sonntag trafen sich ein gutes Dutzend sehr interessierter Personen im Theater an der Glocksee zur Stückeinführung der neuesten Produktion: „Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“. Am 19. July und 02.Aug. sind weitere Probenbesuche für Theaterfreunde möglich.

Unter dem Synonym V.I.P., very interested persons, bietet das Glocksee Ensemble eine Produktionsbegleitung an, bei der an drei Terminen während der Probenzeit interessierte Theatergänger die Entwicklung miterleben können. Eine sinnvolle Idee, vor allem bei einer Uraufführung wie dieser, die Gelegenheit zu eröffnen sich mit etwas neuem zu beschäftigen was weit über den Theaterkonsum der blanken Unterhaltung hinaus geht. Im Verlauf dieses Treffens, bei Kaffee und Kuchen im Theatercafé, bei dem sich zwischen Ensemble und Teilnehmern eine lebhafte Gesprächsrunde ergab, konnten auch einige Anregungen für die Produktion gewonnen werden die bei den weiteren Proben zum tragen kommen. Das ist gelebte Demokratie auf künstlerisch wertvollem Niveau. Sehr zu begrüßen bei dem heiklen Thema das am 05. August 2017 um 20:00 Premiere haben wird.

Der Bau ist eine Erzählung von Franz Kafka in der ein nicht näher bestimmtes Tier einen Bau anlegt und sich in der weiteren Entwicklung vor einen oder mehreren nicht konkreten Feinden abgrenzt und zu verteidigen gedenkt. Die Gründung des Fight Club Dachs, eine Parallele zum Film ‚Fight Club‘ von David Fincher 1999 ist durchaus gegeben, hebt die literarische Vorlage in die reale Ebene unserer Zeit. Doch wer ist der Feind? Und gibt es ihn überhaupt? Spannende Fragen um Abgrenzung gegenüber Fremden in einer doch eigentlich offenen und ‚globalen‘ Gesellschaft. Nach der Idee der Regisseurin Milena Fischer, die für die Textfassung verantwortlich ist, wurde die Monologversion der Erzählung auf drei Charaktere verteilt. In Zusammenarbeit mit dem Choreografen Hendrik Kaalund entstehen dann z.B. Szenen, in denen die Sprache mit choreografierten Bewegungsabläufen zu mehrschichtigen Spielformen kommen kann. Zu den weiteren Recherchen gehören deutsches Liedgut und Tänze so wie Rhythmik wie man sie vom Schuhplattler kennt. Ein Blick auf den Entwurf des Bühnenaufbaus zeigte die Möglichkeiten wie die Architektur eines Baus unter der Erde und eine wie auch immer geartete Form einer Arena sich überschneiden können. Dafür wurde der Theaterraum an der Glocksee komplett umgestellt. All diese, und viele weitere Einblicke, die nach zwei Wochen Probenzeit zum Teil noch schemenhaft sind, zeigen bereits die Begeisterung mit der das Ensemble dieses mit vielen Vorurteilen aufgeladene Thema bearbeiten. In der guten Stunde der Einführung gaben sie einen Überblick ihrer weitreichenden Recherchen die sich (natürlich) im Internet abspielten, so wie verschiedenen Erkundigungen bei öffentlichen Veranstaltungen und Treffen an denen sie aktiv teilnahmen um Informationen aus erster Hand zu gewinnen.

Eine Theaterproduktion die sicherlich auch in den oberen Klassen der hannoverschen Schulen einen wertvollen Beitrag zur politischen Bildung darstellen dürfte. Jedenfalls darf man sehr gespannt auf diese Premiere sein. 


Der Kartenverkauf hat begonnen die Vorstellungen sind: Sa. den 05. (Premiere) 09., 11., 12., 16., 18.,19., 23., 26. August und 06., 09., 20., 22., 23. und 27. September 2017 Beginn jeweils 20:00 Karten zu 14,00€ und 10,00€ unter Tel.: 0511 - 161 3936 oder über theater-an-der-glocksee.de

Montag, 10. Juli 2017

Konzert ohne Dichter

Was sie nie über Worpswede wissen
wollten, sich daher nicht zu fragen lohnte


Wussten sie, dass Hemingway im Umgang mit Frauen ein ziemliches Arschloch gewesen sein soll? Und Charles Bukowski war wohl ein kleines verschämtes armes Würstchen. So tratscht man. Und wer war Rilke? Sicherlich war er nicht der Mythos, den man um ihn spann. So gesehen kann er auch nicht entmystifiziert werden. Der Trugschluss liegt oft darin begraben, weil man glaubt, der Text sei identisch mit dem der ihn schrieb. Doch der Schriftsteller ist auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut, gestützt von ein paar Knochen, fehlerhaft und mit beladener Seele. Das Schriftwerk eines Autors entspringt seinem Geist, und vielleicht dem, was er aus der Kombination mit sich und seiner Umwelt, durch seine Bildung gefiltert, erschaffte. Entmystifizierte man Rilke, so könnte dabei heraus kommen, dass eine große einfühlsame Dichtung nur von Hypochondern geschrieben werden kann, eben weil diese so einfühlsam und mitfühlend sind. 
Doch was treibt Klaus Modick Rilke vom Thron zu stossen, und mit ihm gleich die ganze kleine familiäre Künstlergemeinschaft Worpswedes, zu allererst den als naiven Hobbybauer porträtierten Heinrich Vogeler. Der Nachdruck, mit dem Modick diesen Thronstoss vorbringt, in steter Wiederholung und scheinbar einzigem Ziel des Buches, legt die Vermutung nahe, dass Modick ein Zyniker ist, ein Rationalist der für seelische Belange nur Spott empfinden kann. Das soll nicht bedeuten Modick hätte ein falsches Bild von der Künstlergemeinschaft und ihren Werken beschrieben. Man fragt sich nur: Wozu dieses Portrait? Aber das ist am Ende auch nicht so wichtig. Es ist ja nur ein Roman.

Konzert ohne Dichter von Klaus Modick ist auch als eBook für 15,99€ mit der ISBN 978-3-462-30891-4 zu erhalten. Kiepenheuer & Witsch  ISBN 978-3-462-04741-7  Hardcover 231 S.  17,99€

Dienstag, 16. Mai 2017

Wer hat das Recht zu…

© Wömpner, Ensemble
(Hannover) Wenn man geschickt die Prosa um den 600 Seiten schweren Roman Schuld und Sühne von Fjodor M. Dostojewski wegschneidet, kommt man zu einer eindringlichen dramaturgischen Fassung. Versteht man es dann noch die Handlung mit der heutigen Zeit zu verknüpfen, dann ist man bei „Raskolnikow - humanity is overrated“, derzeit im Theater an der Glocksee, angelangt.

Ein riesiger Kokon steht auf der ansonsten aufgeräumten Bühne. Hinten rechts ist noch eine Tür und eine Bar, vorn links eine Stelle für??? , ansonsten nur noch wenige Stühle oder Hocker oder Podeste. Der Kokon weis, der Rest dunkel bis schwarz. (Bühne von Britta Bremer) Polarisiertes Denken! Die Sicht des Protagonisten. Amokläufer/Attentäter haben etwas gemeinsames, sie haben sich von der Welt isoliert, zurückgezogen, eine Position gegen ihr Umfeld eingenommen. Dieser Raskolnikow (Jonas Vietzke) ist still, arm, ohne Idee für eine sinnvolle Beschäftigung in der Welt in der er sich wähnt. Er beschließt einen Mord zu begehen, um etwas aus der Welt zu nehmen, das es nicht verdient in ihr zu sein. Und da ist auch die große Frage: Wer entscheidet was gut und wert ist - und was nicht. Albert Einstein sagte „Probleme könnten niemals mit derselben Denkweise gelöst werden, durch die sie entstanden sind.“ Die duale Denkweise von gut und böse wird ein Einzelner kaum lösen wenn er allein in Diskussion mit sich selber steht. Die Ideologie, in der sich Raskolnikow verliert, findet ihre Entsprechungen in vielen anderen Denkweisen aktueller Attentäter. Und das ist auch das besondere an dieser Inszenierung unter der künstlerischen Leitung von Lena Kußmann. Vergleiche mit Pamphleten anderer Attentäter werden zitiert. Situationen in denen sich jeder wieder finden könnte, zeigen das Potential wie eng wir jederzeit betroffen sein könnten. Ist eine Einteilung in gewöhnliche und außergewöhnliche Menschen, wie Raskolikow sie vornimmt, sinnvoll oder gerechtfertigt? Es steht die Frage im Raum, ob Menschlichkeit wirklich überbewertet ist, wie ein Attentäter einmal behauptete. Oder behaupten das auch noch andere Zeitgenossen?!

Das ist starker Tobak den man jedoch mit einer Prise schwarzen Humor, der hier von Lena Kußmann mit feiner Hand ins Stück geschrieben wurde, gut nehmen kann. Durch die Fülle von einzelnen Situationen, Metaphern und eindringlichen Bildern am erzählerischen Faden, der der Chronologie des Romans treu bleibt, spielt das weitere Ensemble mit Achmed Ole Bielfeldt und Rebecca Junghans dicht und dynamisch zu einem harmonischen Ganzen, dass man die 100 Minuten ohne Pause gespannt durchlebt. Es ist eine Freude die ökonomische und reich mit kleine Details gespickten Inszenierung zu verfolgen. Das ist junges lebendiges Theater für intelligente Menschen, die aus dem kleinen das größere Ganze erfassen und selber ins Denken kommen um ihre eigenen Schlüsse zu finden.

Mein Tipp: keine Scheu vor ernstem Thema - hingehen.
Weitere Vorstellungen am 17., 19., 24. und 26. Mai 2017 Beginn jeweils um 20:00. Theater an der Glocksee